Leuchtkäfer, rote Libellen, im nächsten Moment könnte ein Dinosaurier zwischen den urzeitlichen Sagobäumen stapfen – südlich von Sumatra im indonesischen Archipel liegen kleine Inseln, auf der die Kultur der Ureinwohner noch erhalten ist:  die Mentawai-Inseln.

Ihre Kultur wurde jahrzehntelang unterdrückt, nur in einem letzten Rückzugsgebiet konnten sie ihre Kultur bewahren – doch die Motorsägen rücken näher.

Sikerei (Schamane)

Über die Flüsse gelangt man in das Innere der größten Insel Siberut. Der Dschungel liegt im Sumpf – die Ureinwohner fällen Bäume, um Pfade aus dünnen Baumstämmen durch den Morast zu legen – es ist eine Herausforderung, lange Wege über die glitschigen Baumstämme zu balancieren und nicht mit der Filmausrüstung im Schlamm oder einer Stachelpalme zu landen.

schamane Takgogouk im Urwald

Tief im Wald steht die Uma, das Haus des Clans. Luftig und offen fühlt man sich in seinem kühlen Schatten schnell zuhause. Mein Gastgeber ist der Schamane Takgogouk – die Schamanen (Sikerei) sind die charismatischen Hüter der alten Mentawai-Kultur, sie kennen alle Pflanzen und Zubereitungen, Herstellung von Bogen, Giftpfeilen und Jagd, sie leben die Tradition.  Einige Sikerei habe ich in den Tagen auf den Inseln kennen gelernt, ihre Geschichten und Gesängen zugehört.

Mutter Tiru beim Fischen

Alles ist beseelt: nach Glauben der Ureinwohner bilden Seelen und Geister den verwobenen Wald.  Jeder Mensch hat gewissermaßen zwei Seelen: das Bewusstsein und eine spirituelle Seele, die gerade durch den Wald wandern und andere Seelen treffen kann, während man zuhause arbeitet oder schläft. Im Glauben der Ureinwohner kann der Schamane die unsichtbaren Seelen sehen, das ganze spirituelle Gewebe des Waldes. Man schmückt sich mit Blumen, damit die Seele nach ihren Wanderungen gerne wieder im Körper Platz nimmt. Wird jemand krank, ist seine Seele auf ihren Wanderungen im Wald auf Abwege geraten, in schlechte Gesellschaft, will nicht zurück. Die Seele ist wie ein Kind, der Schamane besänftigt und lockt sie wie ein solches – mit Gesängen und Gesten.

Der Sagobaum ist der Reichtum der sumpfigen Inseln. Fällt man einen Baum, kann man lange Familie und Haustiere versorgen. Manche Sagobäume dienen dem Luxus: sie ernähren Käferlarven, die man als Delikatesse schätzt. Doch aus einem großen Baum gewinnt man am Ende nur einen kleinen Korb voll Larven aus dem weichen Holz.

Viel ergiebiger ist das Sagomehl. Mit  Kokosraspeln geröstet, bildet es das täglich Brot. Man legt den Sagoteig in Bambusrohren ins Feuer oder in Sagoblätter gewickelt in die heiße Kohle.  Den Speisezettel erweitern Früchte, Huhn, Fische, Käferlarven und Wild. Schweine gehören nicht zur Alltagskost, ihr Fleisch ist den wichtigen Festen und Zeremonien vorbehalten. Die Hausschweine sind halbe Wildschweine und leben frei im Wald. Abends schlägt man die Holzglocke (wie man sie in ähnlicher Form in  ganz Indonesien findet), der Klang dringt durch den Wald und die Schweine kommen zum Haus zurück, um ihren Teil Sago zu bekommen.

Einst soll sich der Sagobaum in einen Menschen und ein Mensch in einen Sagobaum verwandelt haben. Der Baum liefert nicht nur Nahrung, seine Blätter decken das Dach und früher wurden die Blätter auch geraucht.

Für die Jagd mit Pfeil und Bogen werden Giftpfeile hergestellt. Der Schamane findet mit ein paar Handgriffen schnell in der Nähe des Hauses Wurzeln und Blätter für die Herstellung und nach einer halben Stunde sind die Pfeile tödlich scharf gemacht.

Die Herstellung der Kleidung aus Rinde geht ebenso schnell, doch die alten Techniken lassen sich nur mit lebenslanger Praxis mit dieser Leichtigkeit ausführen. Mit wenigen Schlägen der Machete trennt mein Gastgeber Takgogouk den schlanken Stamm eines Baiko-Baums, aus dem man die Rindenkleidung herstellt. Doch der Baum fällt noch nicht, seine Krone hängt im dichten Wald fest. Takgogouk klettert in Sekunden den schmalen, nackten Stamm hoch und trennt mit der Machete den Stamm vom Oberteil ab. Einen Augenblick später ist er wieder sicher unten und löst mit schnellen Schnitten die zweite Rindenschicht heraus, klopft und walkt sie mit einem Holzwerkzeug weich und dehnbar – es erfordert Kraft und Geschicklichkeit, die sich erst nach langer Übung einstellt.

Der Wald im Inneren der Inseln ist bis heute erhalten, die Ureinwohner nutzen ihn regenerativ.  Doch die Regierung hat Lizenzen an kommerzielle Holzfäller vergeben die jetzt auch hier anrücken.  Die Ureinwohner sehen den Staat kritisch. Den Staat steckt ihre Kinder in Uniformen, die Schulen formen einen homogenen Nationalstaat – Schule der Anpassung, wie an vielen Orten der Welt.

Nach den Dreharbeiten reise ich zum nächsten Ziel, der Insel Flores ab, aus dem Urwald zurück in die 30-Millionenstadt Jakarta und dann weiter östlich im Archipel, Flores jenseits der Wallace-Linie. Doch die Abreise von den Mentawai-Inseln fällt schwer. Irgendwann werde ich einmal zurückkehren.

Joo Peter, Juli 2019