NS-Vergangenheit eines Documenta-Gründers: der Fall Kurt Martin

von Joo Peter (erschienen in der Berliner Zeitung am 27.5.2022)

Im vergangenen Jahr kam die Debatte um die NS-Vergangenheit von Werner Haftmann auf, einer der Gründerväter der Documenta. Dabei blieb die wesentlich tiefere Verstrickung eines anderen Documenta-Mitbegründers noch weitgehend unbeachtet: Kurt Martin. In wenigen Wochen wird die neue Documenta eröffnet – die Debatte über die Vergangenheit ihrer Gründer wird die Öffentlichkeit noch länger beschäftigen.

Steile Karriere im NS-Staat

Kurt Martin verdiente seine Sporen im NS-Staat mit der Gründung eines Armeemuseums in Karlsruhe, das „die wehrpolitische Leistung unseres Grenzlandvolkes“1 vermitteln sollte, so Martin in der Eröffnungsrede.  Gauleiter Wagner ernannte ihn darauf 1934 zum Leiter der Kunsthalle Karlsruhe – Martin blieb es bis 1956. Unter seiner Leitung erwarb die Kunsthalle auch viele Werke aus Sammlungen von NS-Verfolgten12. Kurt Martin dehnte seinen Machtbereich im Krieg bald auf alle Museen in Baden und Elsass aus.

Passfoto Kurt Martin, Germanisches Nationalmuseum, Dt. Kunstarchiv, NL Martin, Kurt, 2

Wie die Jagd nach Raubkunst bei Kurt Martin aussehen konnte, zeigt der Fall Adolf Bensinger. Spätestens seit Monika Tatzkow 2014 ihre Forschungen dazu publizierte, ist die weitere Verklärung Kurt Martins nicht mehr möglich. Martin kündigte im Sommer 1939 per Brief an „Adolf Israel Bensinger“, seinen ‘Besuch‘ in dessen Villa an.  Martin kam und forderte Bensinger auf, seine wertvolle Sammlung der Kunsthalle zu schenken – Werke von van Gogh, Renoir und andere hochkarätige Arbeiten. Bensinger wollte nicht. Nach dem Besuch drängte Martin die zuständige Oberfinanzdirektion zur Beschlagnahmung der Sammlung. Am Tag, als der Beschlagnahmebescheid eintraf, starb Bensinger, vermutlich an Herzinfarkt – der geöffnete Brief der Beschlagnahmung auf seinem Tisch. Kurt Martin setzte gleich darauf die trauernden Angehörigen unter Druck, der Verstorbene habe ihm mündlich Werke kostenlos zugesagt. Doch Bensinger hatte sich abgesichert: Im Testament kurz vor dem Tod hatte er alles Verwandten mit einem arischen Elternteil zugesprochen, bei denen man nicht beschlagnahmen konnte – noch nicht, denn die Gesetze wurden laufend verschärft. Die Zeit spielte für Kurt Martin. Die Erben versuchten verzweifelt bei den Behörden, ihr Erbe antreten zu können. Immer wieder gestört von Kurt Martin, der seine Forderungen erhob: “Ein Jude (darf) auch auf dem Testamentweg nicht über seinen Kunstbesitz verfügen“

Besetzung Frankreichs

Der Krieg brachte Kurt Martin einen großen Karrieresprung. Mit der Besetzung Frankreichs wurde Kurt Martin Leiter aller Museen im neuen Mustergau Elsass-Baden und forderte, alles Französische aus den Museen zu entfernen. Er pochte dabei auf ein großes Budget, denn es seien nun mal „große Mittel nötig, weil die Folgen der französischen Kulturpropaganda im Elsass zu überwinden und auszumerzen sind.“4

1940 wurde Kurt Martin „staatlicher Bevollmächtigter für die Sicherstellung von Kunstbesitz aus Volks- und reichsfeindlichen Vermögen im Elsass.“

Kurt Martin selbst beschrieb die Aktionen, wie in Wohnungen von Juden und ausgewiesenen nichtjüdischen Franzosen Kunstwerke „sichergestellt“ und in Depots gebracht wurden.5 Kurt Martin wählte persönlich aus den Beschlagnahmungen aus, was für die Museen brauchbar war und übernommen werden sollte.6

Die Raubkunstlisten im Staatsarchiv Stuttgart lässt das Beuteschema Kurt Martins erkennen.11 So finden sich häufig Werke von Hans Thoma unter den Beschlagnahmungen, Kurt Martin propagierte diesen Maler stark in seinen Ausstellungen in der NS-Zeit. Hans Thoma, ursprünglich ein Modemaler der Jahrhundertwende, wurde später von den Nationalsozialisten als Heimatmaler vereinnahmt. Auch die Staatsgalerie Stuttgart besitzt Raubkunst dieses Malers, ein bekanntes Hauptwerk, das bis 1935 im Besitz der jüdischen Schwiegereltern von Thomas Mann war, der Familie Pringsheim. Das große Fries wurde aus dem Münchner Palais der Familie demontiert, bevor das ganze Gebäude einem Bau der NSDAP weichen musste.

Martin bekam die Werke nicht mehr,  doch bei vielen anderen Verfolgten war die Beschlagnahmung erfolgreich.

Im August  fand die große Thoma-Ausstellung mit 180 Werken statt.

In den Raubkunstlisten  des Stuttgarter Archivs sind viele Werke von Hans Thoma zu finden.

Kurt Martin ging auch im besetzten Frankreich auf Einkaufstour. Der Zwangsumtauschkurs für den Franc drückte die Preise, zusätzlich gab es Reichskassenscheine, die den deutschen Staat nichts kosteten, berichtet Tessa Rosebrock.

Kurt Martin bekam ein enormes Budget für Kulturpropaganda, um mehrere deutsche Theater und viele deutsche Bibliotheken im Elsass zu gründen, während die französische Sprache verboten und unterdrückt wurde.7

Zeitgenössische Propaganda-Plakate, u, Volnir (r)

Martins Eifer zielte auch über das Nachbarland hinaus: Mannheim sollte mit seinem Völker­kundemuseum „den kolonialen Anspruch Deutschlands“ vertreten.8 

Kurt Martin war kein Choleriker wie Karl Epting von der deutschen Botschaft in Paris, der einem Louvre-Mitarbeiter die Bestandslisten aus den Händen riss. Der Karlsruher Museumsleiter war eher ein Profi wie Hitlers Kunsthändler Haberstock, durchaus geschickt und bemüht, alles eleganter zu lösen, einen guten Draht zu Kollegen zu halten (was Martin nach dem Krieg sehr half), in manchen Bereichen auch mit innerer Distanz und eigener Politik, doch letztlich ein Diener des Systems. Die US Army sah bei Kurt Martin das doppelte Spiel9, doch brauchte die Besatzungsmacht letztlich seine Hilfe, die Archive nach dem Krieg zu ordnen.

Das Straßburger Ausstellungsprogramm unter Martin war typisch für die NS-Zeit: “Kunst der Front”, “Künstler im feldgrauen Rock”, “Ewige Infanterie” lauteten einige Ausstellungstitel. Andere Ausstellungen behandelten Deutschtum in Grenzregionen: “Deutsche Kunst im Osten und Südosten”, “Sudetendeutsche Kunst”. Kurt Martin konnte in bester Lage für das Regime werben: das Straßburger Museum liegt ganz zentral, direkt gegenüber dem Münster im Palais Rohan, das für die französische Geschichte der Stadt steht, hier logierte zeitweise Louis XV und Napoleon.

Profitiert das Museum Straßburg bis heute von fragwürdigen Erwerbungen? Tessa Rosebrock berichtet, das Straßburger Museum besitze heute 800 Gemälde bis zum 19. Jahrhundert, 200 davon sind dauerhaft ausgestellt und “exakt 100 dieser Exponate sind während der Zeit der deutschen Besatzung Straßburgs und der unmittelbaren Nachkriegszeit bis 1947 in den Besitz des Museums gelangt.” Ein hoher Prozentsatz – dazu meist ungeklärt in der Herkunft, wie Tessa Rosebrock betont. Eine Rückgabe ist meist nicht möglich, denn “dem Museum ist bei diesen Werken ausschließlich der direkte Verkäufer bekannt (…) es besitzt aber meist keinerlei Angaben zur eigentlichen Herkunft der in den vierziger Jahren erworbenen Werke”, ihr Ursprung sei “in 90% der Fälle überhaupt nicht erforscht”, so Tessa Rosebrock.

Das Thema der Kollaboration wurde in Straßburg wohl noch nicht aufgearbeitet. Die Mitarbeiter im Museum Straßburg stellten Kurt Martin nach dem Krieg gegenüber den Alliierten ein gutes Zeugnis aus. Hätten die Mitarbeiter in der Besatzungszeit über das hohe Budget klagen sollen? Über den großen Zuwachs an Kunstschätzen für ihr Museum? Die späteren, illegalen Erwerbungen in den besetzten Ländern Frankreich und Niederlande kamen zuerst Straßburg, der neuen Hauptstadt im Reichsgau Elsass-Baden zugute.

unten: ein Werk von Goya im Museum Straßburg, das Kurt Martin 1942 aus Paris mitbrachte.

Foto Joo Peter

Kurt Martin konnte bereits im Sommer 1945 wieder die Leitung der Karlsruher Kunsthalle übernehmen. Er wurde von der Kunsthalle Karlsruhe noch lange als Kunstbewahrer verklärt.

1957 wurde Kurt Martin Nachfolger von Ernst Buchner, ehemaliges Mitglied im anti­semitischen Kampfbund, der bis 1956 Leiter der Pinakotheken und Generaldirektor der staat­lichen Gemäldesammlungen in Bayern war. In die Amtszeit von Kurt Martin in Bayern der Nachkriegszeit fiel auch die Rückgabe umstrittener Erwerbungen an die Familien der NS-Eliten Göring, von Schirach, Frank und Streicherdie nach dem Krieg zuerst beschlagnahmt wurden, jetzt den Erben der NS-Größen zurückzugeben oder verkauft wurden.10

Ein Platzhirsch auf allen Feldern: Kurt Martin wurde in der Nachkriegszeit zudem noch Direktor an der Kunstakademie Karlsruhe und Mitbegründer der Documenta, er blieb viele Jahre Mitglied des Documenta-Rates.

 Zeigte Kurt Martin nach 1945 Reue? Etwa bei seinem aggressiven Druck zur Arisierung der Sammlung Bensinger? Nein, er hielt es nach wie vor für einen normalen Vorgang, berichtet Monika Tatzkow.3

 

Joo Peter

Quellen

 

1 Badische Werkkunst Jahrgang 1934/35, August., S. 1–4 und Durlacher Tagblatt, Ausgabe vom 14. Mai 1934.

2 ‘Praktisch zertrümmert’. Die Kunstsammlung Adolf Bensinger, Mannheim von Monika Tatzkow,  aus: „‚Arisierung‘ in deutschen Städten“, Hrsg. Christiane Fritsche, Johannes Paulmann, Köln, Weimar, Wien, 2014, S. 260–283 sowie Tessa Rosebrock: „Kurt Martin“, S. 100 und Dok. 7

3 ebenda  „Seite 277 und Generallandesarchiv Karlsruhe Abt.41 Zugang 1981-70 Nr. 390

4 Tessa Friederike Rosebrock: „Kurt Martin und das Musée des Beaux-Arts de Strasbourg. Museums- und Ausstellungspolitik im ‚Dritten Reich‘ und in der unmittelbaren Nachkriegszeit“, Akademie-Verlag, Berlin 2012, S. 131-136

5 Brief von Hans Posse an Martin Bormann. Dresden, den 15. April 1941 und Abschrift des Berichts über die Sicherstellung von Kunstgut aus reichs- und volksfeindlichem Besitz im Elsaß. Der staatl. Bevollmächtigte für das Museumswesen im Elsaß. (gez.) Dr. Martin. Straßburg, 12. März 1941. In: US-NARA, RG 260. Administrative records, correspondence, denazification orders, custody receipts, property cards, Jewish restitution claim records, property declarations, and other records from the Munich CCP. Correspondence of Hans Bormann and Martin (!) Posse, April 41 – Juni 1941. Blatt 14–16.

6 „Die Straßburger Museen in der Zeit von 1940-1944: Rückführung, Ankauf und Bergung von Kunstwerken unter Kurt Martin“ von Tessa Friederike Rosebrock, Jahrbuch der staatlichen Kunstsammlungen in Baden-Württemberg, 2006, Seite 110, siehe dazu Erlass Z II a 1786/39 (b) des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung in Berlin vom 15.Mai 1939 ist “Kurt Martin als Sachverständiger der Devisenstelle Baden ernannt worden. Diese Position beauftragte ihn zur Feststellung des Kunst- und Kulturwertes von Gemälden und Kunstgegenständen in Privatbesitz. Martin war berechtigt, im Namen der Devisenstelle Termine festzusetzen und geeignete Kunstgegenstände in Sicherungsgewähr zu nehmen, d.h. den betreffenden Besitzern zu entwenden.”

„Besonders wertvolle Objekte lagerten im Sommer 1941 sowohl im Rohan-Palast als auch in Martins Büro am Taulerring 8“ (Kapitel V – Bestandserweiterungen der musealen Sammlungen im Elsaß, Abschnitt c

 

7  Bernhard von Hülsen: Szenenwechsel im Elsass: Theater und Gesellschaft in Straßburg zwischen Deutschland und Frankreich 1890 – 1944. Leipzig 2003, PUB-ID 2434977

Zum Budget von Abetz und Epting siehe auch Erwähnung in “Mut zur Erinnerung” sowie  Jürg Altwegg, „Der Mythos der Resistance bröckelt“ 20.3.1981 in der Wochenzeitung die ZEIT, Zitat:  „In einem Verhör durch die amerikanische Armee gab Schleier nach dem Krieg an, Abetz hätte für die kulturelle Propaganda eine Milliarde Francs ausgeben können. In seiner Aufzählung der “subventionierten” Institutionen finden sich Zeitungen, vor allem aber Theater und politische Gruppierungen. Die Presse wurde nicht durch Terrormaßnahmen, sondern mit den subtileren Mitteln der Verführung und Korruption “gleichgeschaltet”.“

8 Der Führer, Sonderausgabe 17.11.1940, „Museen am Oberrhein“

9 Art Looting Investigation Reports (ALIU) der Kunstschutzoffiziere, Zitat zu Kurt Martin: “according to an authoritative source, however, he played a double game”,  list of red-flag-names, Index, zit. nach Yeides /Akinsha / Walsh 2001 S266, entnommen aus: „Die Straßburger Museen in der Zeit von 1940-1944: Rückführung, Ankauf und Bergung von Kunstwerken unter Kurt Martin“, von Tessa Friederike Rosebrock, Jahrbuch der staatlichen Kunstsammlungen in Baden-Württemberg, 2006, Seite 118

10 Süddeutsche Zeitung 25 Juni 2016 , Catrin Lorch und Jörg Häntzschel über „Münchens Raubkunstbasar“, sowie Archiveintrag auf lootedart.com vom 27. Juni 2016, Nazi-Looted Art returned by Germany to the high-ranking Nazis who looted it rather than returning it to rightful owners

11 Listen beschlagnahmter jüdischer Kunst aus Baden-Elsaß, darunter Erwerbungen der Kunsthalle, eingelagert im Salzbergwerk Heilbronn und anderen Lagerstätten: Hauptstaatsarchiv  Stuttgart, RG 260 OMG WB 12/89-3/13 (3 of 6; 4of 6).

Nach der Reichskristallnacht wurde Martin stärker in die Arisierung eingebunden. Im  Mai 1939 fordert Martin von der Devisenstelle Vermögensverzeichnisse jüdischer Auswanderer mit Kunstbesitz an und erklärt sich bereit, der Devisenstelle seinerseits Listen  des ihm bekannten „Kunstbesitzes in jüdischen Händen“ zu erstellen.

Bereits im 5. Juni bekam darauf der jüdische Sammler Bensinger Post von der Devisenstelle, dass er seinen Kunstbesitz penibel aufzustellen habe (in seiner Sammlung auch Hans Thoma). Bald schon kam Kurt Martin zu „Besuch“, um sich die Filetsücke der Sammlung „schenken“ zu lassen. Schon der Brief Martins enthält Drohungen, Bensinger dürfe die Werke bis zum Besuch nicht verkaufen oder andersweitig darüber verfügen. Doch Bensinger war offensichtlich nicht gewillt, seine Werke Kurt Martin zu „schenken“, Kurt Martin beklagt sich bei der Devisenstelle schriftlich darüber und drängt auf Beschlagnahmung. Einige Werke von geringem musealen Wert könne man ja dem alten Mann lassen.  Am 28. Juni kam der offizielle Bescheid der Devisenstelle zur Sicherstellung, Bensinger dürfe nicht mehr über die Sammlung verfügen, die Vorbereitung der Beschlagnahmung – den Brief auf dem Tisch, starb er am gleichen Tag an Herzversagen.

Martin bekam die Werke nicht mehr,  doch bei vielen anderen Verfolgten war die Beschlagnahmung erfolgreich.

Im August  fand die große Thoma-Ausstellung mit 180 Werken statt.

In den Raubkunstlisten  des Stuttgarter Staatsarchivs sind viele Werke von Hans Thoma zu finden.

12 ebenda. Sofern nach 1945 die illegalen Erwerbungen und ihre früheren Besitzer identifiziert werden konnten, wurden sie nach Möglichkeit restituiert. Je nach Quelle der Erwerbungen bleibt noch Forschungsbedarf.

 

13 die Ausstellungen fanden alle im Schloß Rohan statt, dem Sitz der Oberrheinischen Museen in Straßburg, siehe Kapitel „Ausstellungen im Schloß Rohan“ in Rosebrocks Monographie über Kurt Martin von 2012. Die Ausstellungserie begann bereits ab 1940, dem ersten Jahr der Besatzung. Den Auftakt bildete eine „Ausstellung  nationalsozialistischen Schriftums“ im November 1940, die nach Vorschlag von Kurt Martin im Erdgeschoß des Schlosses gezeigt wurde. Nach dem Auftakt kam eine Folge an regimetreuen Ausstellungen ins Haus, wie der Serie „Oberrheinische Kunstaustellung“ des Gauleiters Wagner oder unterschiedlicher Aussteller wie der Wehrmacht, Luftwaffe und des Propagandaministeriums. Gauleiter Wagner hatte Kurt Martin bereits vor Kriegsausbruch in Baden erfolgreich in eine nationalsozialistische Kunstschau „Oberrheinische Kunstaustellung“ als Juror eingebunden.