Ausschnitt mit Unterschrift: Martin am 9.7.1940 an Oberregierungsrat zum Fall Bensinger, GLA Ka, Passfoto: GNM, Dt. Kunstarchiv, NL Martin 2

Der Fall Bensinger

Autor: Joo Peter
 

Einführender Artikel zu Kurt Martin siehe Berliner Zeitung vom 27.5.2022,  Online-Version mit Quellenangaben, Joo Peter time-echo.de 

Der Documenta- Mitbegegründer Kurt Marin war weitaus tiefer im NS-Regime verstrickt, als bisher bekannt. Die Neuauswertung der Akten bringt dabei viele Belege, wie Martin offensiv die Arisierung für sein persönliches Interesse verfolgte und die Druckmittel des NS-Staates nutzte.

Im  Schwerpunkt wurde jetzt der Schlüsselfall der Arisierung der Sammlung Bensinger neu untersucht, gegenüber den Forschungen von Monika Tatzkow wesentlich erweitert und dabei stärker in den zeitlichen Kontext sowie Martins weitere Beteiligung in Sachen Arisierung und Raubkunst gesetzt. 

Chronologie

 
8./.9. November 1938
Pogromnacht
 
3. Dezember 1938
Neue Bestimmung über jüdisches Vermögen wird erlassen, massenweise Beschlagnahmungen drohen.
 
März 1939
Der jüdische Sammler Adolf Bensinger in Mannheim besitzt eine der wertvollsten Kunstsammlungen in Baden: darunter Bilder von van Gogh, Renoir, Corot, Daumier, Menzel, Liebermann, Hans Thoma. Was kann er gegen eine drohende Beschlagnahmung tun? Bensinger ist 72 Jahre alt und schwer herzkrank. Er fürchtet, dass seine Sammlung „praktisch zertrümmert“ wird und ändert sein Testament. Bensinger war kinderlos, viele Verwandte bereits geflohen. Er setzt die minderjährigen Kinder seiner Nichte Annemarie Conzen als Erben ein, bei denen als „Halbarier“ eine Beschlagnahmung schwieriger war. Weitere Erben, die er auswählte, waren ausländische Staatsbürger. Bensinger hofft, dass Eigentum von Ausländern nicht beschlagnahmt werden kann (siehe Studie Monika Tatzkow “Praktisch zertrümmert”, 2014).
 
27.Mai 1939
Kurt Martin, Direktor der Kunsthalle Karlsruhe, erhält seine offizielle Berufung zum Sachverständigen, der Beschlagnahmung einleiten kann „zum Schutz deutschen Kulturgutes gegen Abwanderung“. Er allein wird hier in ganz Baden für Kunst- und Museumsgut zuständig.
Martin wurde sofort am gleichen Tag noch aktiv, forderte schriftlich die Vermögensverzeichnisse von Juden mit Kunstbesitz an, die auswandern wollen und kündigte eigene Listen des „mir bekannten Kunstbesitzes in jüdischen Händen“ an, die damit zur Verfolgung denunziert wurden. Kurt Martin selbst hatte später am 9. Juli 1940 mit Hitlergruß bestätigt, dass er selbst damals die Devisenstelle auf Adolf Israel Bensinger aufmerksam machte.  
Eigentlich sollte Martin nur bei Auswanderern aktiv werden – doch Bensinger wollte gar nicht auswandern. Es war Kurt Martin selbst, der hier vorzeitig zur Verfolgung drängte – aus eigenem Interesse. Auch im weiteren Verlauf war es Kurt Martin, wie die folgenden Dokumente in chronologischer Reihenfolge zeigen, der ganz massiv zur Beschlagnahme im Fall Bensinger drängte und auch später noch jahrelang Teile der beschlagnahmten Sammlung als Druckmittel nutzte.
Adolf Bensinger war unter Museumsleuten mit seiner wertvollen Sammlung bekannt. Martin meldet noch am selben Tag, an dem er seine Ernennung erhält, der Devisenstelle, er sei jetzt zum Sachverständigen „bei der Mitnahme von Umzugsgut auswandernder Juden“ ernannt worden und schießt sofort über das Ziel hinaus, nicht nur bei Ausreisewilligen, sondern ganz allgemein „ein Verzeichnis des mir bekannten Kunstbesitzes in jüdischen Händen“ zu melden. 
Bisher wurde Kurt Martin oft noch verklärt, er habe sich „ungern“ an den Verfolgungen beteiligt, so Tessa Rosebrock, doch Kurt Martin war hier ein wesentlich treibender Faktor in der Verfolgung, mit starkem persönlichen Interesse, wie der konkrete Fall im weiteren Verlauf zeigt. Martins sofortiges Handeln zeigte Wirkung: schon in der Woche darauf wurde die  Devisenstelle gegen Bensinger aktiv. 
 
GLA KA 441-3 Nr 963 S. 56-77, Schreiben an Martin mit Erlaß, Eingangsstempel 27. Mai Bild 56
GLA KA 441-3 Nr 963 S.78 Schreiben von Martin an Devisenstelle, 27.5.1939
Der Berufung ist eine Liste aller ernannten Sachverständigen im Reich beigelegt (Bild 73), Martin war hier allein, ohne Vertretung, für ganz Baden als der zuständige Sachverständige für Kunst- und Museumsgut genannt. Es entspricht seiner Rolle als herausgehobener Protegé des Gauleiters Wagner, dass Martin diese Aufgabe und nicht  z.B. der konkurrierende Direktor der Kunsthalle Mannheim diese Berufung erhielt (die Sammlung Bensinger lag in Mannheim).
 

Kurt Martin, Kunsthistoriker  (1899 bis 1975)
Kurt Martin hatte im NS-Staat Karriere gemacht. Mit dem Auftrag für ein Armeemuseum hat er sich 1933 die Gunst des Gauleiters Wagners erworben, der zu den brutalsten Landesfürsten unter Hitler zählte, als Erster bereits 1940 tausende Juden deportieren ließ und damit die Blaupause lieferte, die ein Jahr später mit Beginn der Deportationen 1941 im ganzen Reich umgesetzt wurde. Das Armeemuseum von Kurt Martin war ganz nach Geschmack des Gauleiters, so ernannte er Martin 1934 zum Direktor der Kunsthalle Karlsruhe.  Martin war ihm zu Diensten, stattete die Räume des Reichsstatthalters aus, machte ihm Vorschläge für Propagandabilder und die Auswahl der Geschenke für Führers Geburtstag (
GLA Ka 441- Nr. 923 Bild 100  sowie Nr. 923 Bild 15 ff, Beispiel Bild 19 und G LA Ka 441-3 Nr. 923 Bild  81, 82, 83, 85, 86,  87, 90, 91, 93 )

Als Leiter der Kunsthalle stellte Martin aus, was unter den Nazis als “urdeutsche” Kunst galt: Dürer, Menzel, Hans Thoma, der teuer gehandelte Heimatmaler in Baden, der einst selbst die Kunsthalle leitete und 1924 starb. Nach Thoma habe es nur noch Kulturbolschewismus gegeben, so die Nationalsozialisten in Baden. Jetzt im Mai 1939 bereitete Martin gerade eine Mammutausstellung zu Hans Thoma mit 180 Werken vor, die er am 2. Juli 1939 mit viel NS-Prominenz aus Berlin und Baden eröffnete. 

aus dem Katalog der Ausstellung 1939

Oben ein Thoma-Werk im Katalog der Ausstellung 1939, wie es dem Geschmack der  Nationalsozialisten entsprach. In der Sammlung Bensinger wird ein anderer Thoma sichtbar (Bild unten).

Märchenerzählerin von Hans Thoma aus der Sammlung Bensinger

5. Juni 1939
Mit einer Frist von 10 Tagen fordert die Devisenstelle Bensinger um detaillierte Aufstellung seiner Kunstsammlung, obwohl Bensinger keinen Antrag auf Ausreise gestellt hat.
GLA Ka 237 Zug 1967-19 Nr. 123 Seite 8

13 Juni bis  22. Juni

Die Devisenstelle reicht Besitzlisten von Juden an Martin weiter, darunter:

GLA Ka 441-3 Nr. 963 Bild 273 zu Jakob Israel Feitel am 13. Juni   

GLA Ka 441-3 Nr. 963 Bild 554  Kunstbesitz von Walter Israel Leser am 22. Juni

 

15. Juni

Genau am letzten Tag der Frist reicht Bensinger die Liste seiner Werke an die Devisenstelle ein, mit Gemäldeverzeichnis. Die Liste wird an Kurt Martin weitergeleitet, der Werke von Hans Thoma, Menzel und die französischen Impressionisten für sein Museum will. Werke von Thoma wurden in der Praxis „grundsätzlich“ beschlagnahmt, wie Martin dazu später am 14.3.1940 an den Oberfinanzpräsidenten mit „Heil Hitler“ meldet (siehe 441-3 Nr 963 Bild 570)

 GLA Ka 237 Zug 1967-19 Nr. 123 Bild 9 bis 10 sowie 60 bis 61

 

20.6.1939

Oberfinanzpräsident Baden stellt den Ausweis für Martin aus, Vollmachten zur vorläufigen Sicherstellung und Terminfestsetzung zur Sichtung. Bemerkenswert ist dabei, dass der Ausweis im Interesse von Martin die Macht deutlich erweitert und auf sämtlichen Kunstbesitz von Juden angewandt werden kann, nicht nur bei Ausreisewilligen oder „deutschem Kulturgut“. Noch am selben Tag, als Kurt Martin der Ausweis ausgestellt wurde (es lag nicht einmal ein Tag für eine Postzustellung dazwischen, die Vollmacht ging aus der Schreibmaschine direkt an Martin, der die Vollmacht sogleich zur Verfolgung einsetzte) sandte Martin Bensinger die Mitteilung der vorläufigen Sicherstellung, siehe folgendes Dokument.
GLA Ka 237 Zugang 1967-19 Nr. 123 Bild 61 und GLA Ka 441-3 Nr. 963 -79


Martin kündigte sich bei Bensinger schriftlich für seinen offiziellen Besuch am 4. Juli an, um „deutsches Kulturgut“ zu sichten und „gegebenenfalls sicherzustellen“.  Die  Sammlung darf bis zu seinem Besuch „weder veräußert, noch darf darüber in irgend einer anderen Form verfügt werden“.

Die kurze, kühle Ankündigung Martins nennt keine Begründung. Martin weiß selbst ganz genau, es liegt ja kein Auswanderungsantrag vor, es wäre nur eine Farce, eine Begründung wie den Schutz vor Abwanderung zu nennen. Bensinger hätte sonst den Termin auch noch ablehnen können mit dem Hinweis, dass er gar nicht auswandern will.

Der Termin 4. Juli liegt nur zwei Tage nach der Eröffnung der großen Thoma-Ausstellung mit viel NS-Prominenz, Samstag war Eröffnung, gleich am Montag wollte Martin zur Beschlagnahmung.

GLA Ka 237 Zug 1967-19 Nr. 123 Seite 11 und GLA Ka 441-3 Nr. 963 -183

 

4. Juli 1939

Kurt Martin kommt zur Sicherstellung der Sammlung in die Villa Bensinger. Spätestens jetzt erfährt Martin, das Bensinger schwer herzkrank ist. Martin nimmt darauf keine Rücksicht, nennt seine Liste an Forderungen. Martin spricht „ausdrücklich“ die Sicherstellung der ganzen Sammlung aus. In der Besichtigung wählt Martin dann Werke aus, die er sich für sein Museum schenken lassen will, an erster Stelle zwei Thoma Bilder, dazu Renoir, Corot, Daumier. Er nutzt die Sicherstellung der Sammlung noch jahrelang als Druckmittel (Er wagt es nicht, den ‘entarteten’ van Gogh auf die Liste zu setzen, wird aber später van Gogh über Görings Hehler Wendland für Tauschgeschäfte nutzen).

Der herzkranke Bensinger wird den Schock nicht überleben, stirbt noch im selben Monat, am Tag der offiziellen Sicherstellung.

 

15. Juli 1939

Nach dem Besuch von Bensinger ist Kurt Martin auf Reisen, will aber gleich nach seiner Rückkehr die Bilder, die er als Schenkung fordert, bei Bensinger persönlich abholen.

Kurt Martin berichtet dazu der Devisenstelle Karlsruhe, dass er am 4. Juli die Sammlung von Bensinger besichtigt habe und „durchweg um hochwertiges Kunstgut“ handele.

„Bensinger ist 72 Jahre alt und so schwer herzleidend, daß er eine Auswanderung nicht mehr in Betracht zieht. Die Gefahr einer Abwanderung von Kunstgütern besteht deshalb nicht. Dennoch muß ich auf die baldige Sicherstellung einiger Werke Wert legen, die ich nachfolgend anführe“. Es folgt seine Liste mit Werken von Hans Thoma, Menzel, Renoir und Corot. An erster Stelle der Liste Hans Thoma (die “Badenden Jünglinge” landen später in der Sammlung für das Führermuseum in Linz)

„Diese Bilder müssten in die Kunsthalle Karlsruhe gebracht werden (…) Die übrigen Bilder können im Haus des Bensinger selbst sichergestellt werden in der Form dass ihm Verfügung über das Eigentum entzogen und die Verbringung an jedem anderen Ort untersagt wird.“

GLA Ka 441-3 Nr. 963 -Seite 186 und 187 

 

Es ist der einzige Bericht, den Martin noch zu Lebzeiten von Bensinger verfasst. Bensinger stirbt wenige Tage später.

Martin testet hier seinen Einfluss, in dem er versucht, eine rasche Beschlagnahmung (und Abtransport in die Kunsthalle) im Imperativ zu fassen, auf die er Wert legen „muß“, ohne weitere Begründung.

Nun kann Martin nicht einfach Bilder in die Kunsthalle bringen lassen. Beschlagnahmungen gehen an die Devisenstelle, sie entscheidet auch, wie später verwertet wird, zum Beispiel in einer Zwangsversteigerung, wie es im Fall Bensinger dann unter anderem Umständen auch geschah. Dort hätte Martin die Werke zwar unter Wert erwerben können, doch Martin wollte die Werke unbedingt kostenlos, umsonst. In einem Schreiben vom 18.12.1939 macht er später dazu deutlich, er habe nicht genug Geld, um solche Werke im gewöhnlichen Ankauf anzuschaffen (selbst wenn sie in einer Zwangsversteigerung unter Wert angeboten werden). 

Martin schreibt der Devisenstelle, bei Auswanderern könne man ja durch „Vergünstigungen bei der Mitnahme anderen Besitzes“ die gewünschten Objekte für die Kunsthalle ohne Kosten „erwerben”.  So ging ja Martin zeitgleich bei anderen Verfolgten vor und konnte seine ‘Geschenke’ erpressen (siehe die weiteren Fälle im Juli 1939 unten), die Devisenstelle machte in diesen Fällen mit. Bei Bensinger, der nicht auswandern, aber vererben wollte, müsse man entsprechend anders vorgehen, führt Martin aus: es sei  „vorzuschlagen“, dass die kostenlose „Erwerbung durch die Freigabe einiger weniger bedeutender Bilder erwirkt wird“, die Bensinger dann vererben dürfe.

In dem ersten Bericht ist kein Wort von  Schenkung, die Bensinger zugunsten der Kunsthalle zugesagt hätte, wie Martin (und seine Biographin Tessa Rosebrock) später behauptet, sondern nur ein Vorschlag an die Devisenstelle, wie mit dem Druckmittel der Sicherstellung eine (kostenlose) Erwerbung der Kunsthalle erreicht werden soll, ähnlich wie bei Auswanderern.

Die “Freigabe”, die Martin vorschlägt, bedeutet jedoch nicht, dass Bensinger frei über einige “weniger bedeutender Bilder” verfügen könnte, wenn er sich auf eine Schenkung einlassen würde. Auch dann bliebe Bensinger bis an sein Lebensende  die Verfügungsgewalt über die Bilder entzogen, er darf sie weder verkaufen noch an einen anderen Ort bringen, die Werke sollen bis zu seinem Tod in seiner Villa sichergestellt bleiben, erst nach seinem Tod käme die zweifelhafte “Freigabe”, die weniger bedeutenden Bilder Verwandten vererben zu dürfen. 

 

13. bis 24. Juli 1939

Weitere Listen über den Kunstbesitz von Juden gehen an Kurt Martin, von ihnen wird er bald darauf Werke kostenlos für die Kunsthalle abnötigen, damit sie ausreisen können. So Paul Homburger, der ein Thoma-Bild besitzt, Richard Israel Lenel,  Gustav Israel Hohenemser.

GLA Ka 441-3 Nr. 963 Bild 454 ff zum 13. Juli (Hohenemser)

441-3 Nr. 963 Bild 458 ff zum 17.Juli (Homburger mit Thoma-Bild)

441-3 Nr. 963 Bild 518 zum 22. Und 24. Juli (Lenel mit Menzel-Bild)

GLA Ka 237 Zug 1967-19 Nr. 123 Seite 12

 

28. Juli 1939

Die Devisenstelle teilt  Bensinger die vorläufige Sicherstellung der Sammlung mit. Keine Ausnahme, keine Angebote auf Freigabe einzelner Werke.  Bensinger stirbt noch am selben Tag. Der Brief zur Beschlagnahme liegt auf seinem Schreibtisch.

Eine Aktennotiz von diesem Tag erwähnt noch einmal die gerade geplante Beschlagnahmung für die Kunsthalle (GLA Ka 441-3 Nr 963 Seite 188). 

Unerbittlich wurde am selben Tag Raubkunst in die Kunsthalle gebracht: die große Sammlung von Siegfried Reiss wurde an diesem Tag verzeichnet. Siehe Eingangsdatum in den Listen der Kunsthalle Bild 24 , 25, 31 in GLA Ka 441-3 Nr. 96). Und so kam es, wie es Kurt Martin schon im Fall Bensinger angekündigt hatte, er werde gleich nach seiner Rückkehr von seiner Reise am 24. Juli Druck machen bei den zuständigen Stellen, dass rasch abgeholt und in die Kunsthalle gebracht werde.

Noch am selben Tag meldet das Oberfinanzpräsidium Kurt Martin den Erfolg, dass ein anderer Jude sich auf ein Geschenk an die Kunsthalle einlässt, um seine Haut zu retten.  Richard Israel Lenel, der auswandern will, wird gezwungen, das teuerste Werk seiner Sammlung der Kunsthalle zu schenken, das Bild soll noch am selben Tag für den Transport zur Kunsthalle fertig gemacht werden (Oberfinanzpräsident an Martin, 441-3 Nr. 963 Bild 520). 

Das teure Menzel-Werk, das er abgeben soll, ist der Schätzung von Auktionshaus Nagel vom 22.Juli 1939 zufolge allein schon fast soviel Wert wie seine komplette übrige Sammlung (siehe dazu GLA Ka441-3 Nr. 963 Bild 519).

Am selben Tag wird Martin noch ein Thoma-Bild eines „Nichtariers“ vom Zoll gemeldet ( GLA Ka 441-3 Nr. 963 Bild 480)

Man fühlt sich bei den vielen Aktionen eines einzigen Tages fast an die Razzien erinnert, die Karl Epting und Otto Abetz ein Jahr später in Paris durchführten (siehe Band 10 “Täter, Helfer, Trittbrettfahrer”, Kapitel Karl Epting von Joo Peter), es prasseln die Ereignisse, die sich schnell im Kreis der Betroffenen verbreiteten, kein Wunder hat Bensinger an diesem Tag einen Herzanfall. Martin wollte ja bei Bensinger ganz persönlich Druck machen, persönlich die gewünschten Werke abholen, sich vor Ort von Bensinger alles persönlich unterschreiben lassen. 

oben:   Zeichnung von Max Liebermann, der barmherzige Samariter. Ein Werk mit diesem Titel findet sich in der Sammlungsliste Bensinger. 

 

10. August 1939

Kurt Martin schreibt an die Devisenstelle Karlsruhe nach zwei Wochen Abstand zum plötzlichen Tod von Adolf Bensinger.

Er habe angeblich erst am Tag zuvor von dessen Tod erfahren, als er die Beschlagnahmung habe vornehmen wollen. Er ist sich unsicher über die neue Rechtslage, doch bleibt bei seinen Forderungen, er will weiter kostenlos Werke des eben Verstorbenen, als Gegenleistung für eine Freigabe des Restes an die Erben.

Die Sammlung sei jetzt im Haus des Verstorbenen sichergestellt.

Den Anspruch der Erben sieht Martin jetzt als Bedrohung seiner Ansprüche und er betont im Schreiben, die Sicherstellung der ganzen Sammlung würde weiterhin gelten, da sie noch zu Lebzeiten ausgesprochen wurde, auch wenn Bensinger am Tag der offiziellen Zustellung gestorben sei und möglicherweise nicht mehr zur Kenntnis nahm, wie Martin ausführt. Gnadenlos und ohne jedes Mitgefühl geht es Martin allein um sein Interesse  an den Bildern, er prüft pedantisch die Möglichkeiten, an die Beute heranzukommen.

Martin lässt erkennen, dass er Bensinger nur unsichere Hoffnungen gemacht hatte, bei einer Schenkung eine mögliche Gegenleistung zu bekommen.

„Ich konnte von meiner Seite aus diese Freigabe nur in Aussicht stellen, da sie der Bestätigung der Devisenstelle bedurfte“ – die dann nicht kam.  

Martin erwähnt in den Schreiben auch, wie Bensinger ihm berichtete, die Familie müsse rund 600.000 RM Reichsfluchtsteuer sammeln.  Wenn also Bensinger nicht fliehen wollte, so doch seine Verwandten – und so hatte Martin wieder ein Druckmittel in der Hand.

GLA Ka 441-3 Nr. 963 Seite 189 und 190

Martin bedrängte in den folgenden Wochen mehrmals die Erben, ihm die Schenkung, die ihm angeblich zustehe, auszuhändigen.  Die Nachlassverwalter, die er unter Druck setzte, wurden bald selbst deportiert und starben in Auschwitz. Es waren die Witwe von Bensingers Bruder, Lissie Bensinger und der befreundete, ehemalige Bankdirektor Plato.  

Da sich die Erben hartnäckig weigerten, beisst sich Martin an Ausfuhrsperren für einzelne Bilder fest, die er jahrelang verfolgen wird.

Lissie Bensinger hatte eine Tochter namens Annemarie Conzen (die im Gegensatz zu ihrer Mutter 1939 fliehen konnte). Diese Tochter hatte einen „Arier“ geheiratet, der jedoch bereits gestorben war und als Erbe nicht mehr in Betracht kam, so blieben ihre minderjährigen Kinder als ‚Halbarierer‘ der Strohhalm der Hoffnung, die von Adolf Bensinger als Erben eingesetzt worden waren. Die jüdische Mutter hatte es jedoch schwer, die Interessen ihrer „halbarischen“ minderjährigen Kinder zu vertreten.

Am 22. September erteilte das Nachlassgericht Mannheim I den gemeinsamen Erbschein zugunsten der ‚Mischlinge ersten Grades‘, ein Hoffnungsschimmer für die Familie. Die Erben beantragten jetzt die Freigabe des Erbes, doch der Oberfinanzpräsident konnte sich monatelang nicht zur Freigabe durchringen, wie Tatzkow berichtet, immer wieder gestört von Kurt Martin mit seinen Forderungen. Weitere Erben waren ausländische Staatsbürger, hier nutzte Martin die Ausfuhrsperre als Druckmittel, denn er hatte als Sachverständiger Einfluß, national wertvolles Kulturgut zurückzuhalten. 

8.11.1939

Schreiben des Oberfinanzpräsidiums an Martin

Im Testament von Bensinger sei keine Schenkung an die Kunsthalle erwähnt, Forderungen von Martin wurden abgelehnt.

GLA Ka 441-3 Nr. 963 Seite 193

 

28. November 1939 Die Reichskammer der Bildenden Künste bittet Martin um Stellungnahme 

GLA Ka 441-3 Nr. 963 Seite 194

7.12. 1939

Martin betont das „große Interesse“ an den zwei Thoma-Werken aus der Sammlung Bensingers und anderen Werken auf seiner Wunschliste, wie Menzelbilder und den Impressionisten, die er für ein Tauschgeschäft mit der Schweiz „dringend erwünscht wären“. Die Reichskammer der Bildenden Künste müsste dazu einen „unanfechtbaren Weg“ finden, dass die Werke der Kunsthalle übereignet werden können, wozu derzeit jedoch wenig Aussichten bestünden.

 GLA Ka 441-3 Nr. 963 Seite 195 und 196

 

13.12.1939

Die Reichskammer fragt nach, ob Martin Einwände gegen Ausfuhr zweier Bilder aus dem Erbe von Bensinger in die Schweiz und Argentinien habe (im Testament hatte Bensinger Werke ins Ausland vermacht). Es waren wertvolle Bilder. Ein Gemälde  des italienisch-schweizerischen Malers Segantini, das laut Testament von Adolf Bensinger an das Segantini-Museum in St Moritz gehen sollte, wurde später vielfach höher geschätzt als der van Gogh in der Sammlung. 

GLA Ka 441-3 Nr. 963 Seite 197

 

 

18. Dezember 1939

Martin antwortet der Reichskammer, dass er die Ausfuhrsperre der beiden Bilder aus dem Erbe Bensingers fordert, um von den Empfängerländern Gegenleistungen fordern zu können. Das Segantini-Bild müsste der Kunsthalle in Besitz gegeben werden, schreibt Martin, damit er erfolgreich von der Schweiz wertvolle Gegenleistungen fordern könne. Auch bei dem Bild von Hodler  aus Bensingers Erbe, das nach Argentinien gehen soll, fordert Martin eine Ausfuhrsperre, um andere Werke als Gegenleistung zu erhalten. Martin scheint dabei diesen Schweizer Künstler als „deutsches Kulturgut“ zu vereinnahmen, indem er Hodlers Bedeutung für die Oberrheinische Kunst im Dreiländereck anspricht.

Die finanzielle Lage der Museen sei sehr schlecht, mit eigenen Mitteln sei ein Ankauf nicht möglich. 

„Die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe jedenfalls verfügt über keinerlei Mittel, die wegen des Krieges sehr gekürzt und gesperrt sind“. 

GLA Ka 441-3 Nr. 963 Seite 198 und 199

Mit der Besetzung Frankreichs wird sich das später ändern, dann wird Martin als Chef der Museen in Baden und Elsaß über einen sehr hohen Etat verfügen, doch Martin wird auch dann die Schikanen gegen das Erbe von Bensinger unvermindert fortsetzen. Kurt Martins Assistentin Gerda Kircher wird nach dem Krieg als Zeugin für die Alliierten berichten, wie die Kunsthalle nach 1933 anfangs nur ein sehr kleinen Etat für Ankäufe von 10.000 RM jährlich gehabt habe. Martin war ein kleiner Provinzmuseumsleiter, der mit Gewalt nach Größerem strebte. Nach den Pogromen 1938 gewann Martin die Macht, das Vielfache seines Jahresetats bei Verfolgten zu erpressen, allein schon der Wert der Sammlung Bensinger war deutlich höher. Kein Wunder diente Martin dem NS-Regime so ergeben, im Krieg gewann er einen Millionen-Etat, allein 1,5 Millionen Reichsmark nur für Übernahme von Beschlagnahmungen im Haushaltsjahr 1942 seiner Generalverwaltung der Oberrheinischen Museen.

 

16.2.1940

Das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda erläutert die Rechtslage, unter anderem: Juden hätten auch im Tode kein Recht über ihren Kunstbesitz zu verfügen. Martin wird das Schreiben später im Fall Bensinger zitieren.

GLA Ka 237 Zug 1967 -19 Nr. 123 Seite 3

 

10. Februar1940

Die Erben Bensingers kämpfen immer noch um die Freigabe der Sammlung. Da wird überraschend die Beschlagnahmung der Villa Bensinger durch die Wehrmacht angekündigt, in 14 Tagen soll geräumt sein. Das Auktionshaus Nagel (damals mit Sitz in Mannheim) versuchte in kurzer Zeit, die Genehmigung für eine Zwangsversteigerung von den zuständigen Behörden von Baden bis Berlin einzuholen, was Dank der Erfahrung des Auktionshauses mit diesen zweifelhaften Geschäften gelang. Das Auktionshaus Nagel hatte bereits im September ein sogenanntes Fahrnisverzeichnis des Sammlungs-Nachlasses erstellt. In der NS-Zeit warb Nagel für sich „als Taxator des Kulturgutes auswandernder Juden“ (siehe auch Tatzkow 2014)

 

22.Februar 1940

Versteigerung der Sammlung Bensinger in seiner Villa, die beschlagnahmt worden war.

(GLA Ka 441-3 Nr. 963 Seite 1ff und  201 ff )

Einnahmen gehen auf ein Sperrkonto. 

Die “Badenden Jünglinge” von Hans Thoma gehen an Galerie Zinckgraf, die es an die Sammlung für das geplante Führermuseum in Linz weiterverkaufen.

Erben von Bensinger aus Berlin kauften einige Werke zurück, verlieren sie später aber wieder, um fliehen zu können. Hans Fröhlich vertrat hier die minderjährigen „halbarischen“ Enkel Irmgard und Gabrielle Conzen, Töchter von Annemarie Conzen, Nichte des kinderlosen Adolf Bensinger. Hans Fröhlich berichtete ebenfalls von den Nachstellungen durch Kurt Martin (siehe Monika Tatzkow, 2014). 

Nicht alles wurde wohl versteigert, die  Erben in der Schweiz bemühen sich weiter vergeblich, das wertvolle Segantini-Bild freizubekommen, das Kurt Martin blockiert. 

Das Bild von van Gogh suchten die Erben nach 1945 in der konfiszierten Sammlung von Göring, in die es über Umwege, an denen Kurt Martin beteiligt gewesen sein soll (siehe Tatzkow 2014), geraten war.

 

14. März 1940

Martin berichtet von Besichtigung jüdischen Kunstbesitzes bei  Dr. A Levis, meldet Interesse am Thoma-Bild, das er bald darauf erhält. 

Martin an den Oberfinanzpräsidenten GLA Ka 441-3 Nr. 963 Seite 570

Am 10. April 1940  wird das Bild von Levis wird ins Verzeichnis der Kunsthalle aufgenommen GLA Ka 441-3 Nr. 963 Bild 32 

20. Mai 40

Plato, Bankdirektor im Ruhestand, der sich als Erbverwalter um den Nachlass Bensinger kümmert, berichtet, dass ihn Kurt Martin wenige Tage nach dem Tode von Bensinger auf kostenlose Herausgabe von sieben Bildern drängte.

GLA Ka 237 Zugang 1967 -19 Nr. 123 Bild Nr. 56,   7.

 

30. Juni 1940

Nach Besetzung Frankreichs kommt der Führerbefehl zur Sicherstellung von Kulturgut im besetzten Frankreich.

 

9. Juli 1940 

Kurt Martin wird zum Staatlichen Bevollmächtigten für die Kunstsammlungen im Elsaß ernannt – ein großer Karrieresprung und Machtzuwachs im NS-Regime, das ihn noch viel tiefer in die Arisierung einbinden wird.

Die Aufgabe unter Punkt Eins im Schreiben zur Ernennung: die Sicherstellung sämtlicher Kunstsammlungen des Landes.

Martin findet am selben Tag noch genug Zeit für den Fall Bensinger (siehe nächstes Dokument)

 

9.Juli 40

Martin an Devisenstelle Baden mit Hitlergruß:

Zusammenfassung der Ereignisse im Fall Bensinger, um weiter Druck zu machen. Neben Wiederholungen erwähnt er, dass er selbst ursprünglich Bensingers Name an die Devisenstelle zur Verfolgung weitergegeben hatte.

237 Zugang 1967 -19 Nr. 123 Bild 484950

 

13. Juli 1940

SS-Unteroffizier Walter Spaeth, Polizeiangestellten aus Mühlhausen wird zum Treuhänder von volks- und reichsfeindlichen Vermögen im Elsaß ernannt, das an diesem Tag der Beschlagnahme verfällt.

 

1. August 1940

Kurt Martin wird im Elsaß die Schlüsselbefugnis übertragen, in den Beschlagnahmungen nach Brauchbarem für seine Museen zu suchen. Kurt Martin stellte drei Mitarbeiter ein, die sich ausschließlich um Beschlagnahmungen kümmerten. Einer der drei Mitarbeiter, Paul Weigt, der sich dabei als besonders aktiv hervortat, machte er zum Leiter der Gruppe. Tausende Objekte werden in der Besatzungszeit beschlagnahmt.

 

Kurt Martin ist an Beschlagnahmungen, Übernahmen, Ankäufen, Schenkungen, Tausch und Verleih von “volks- und reichsfeindlichem Vermögen” beteiligt, so zum Beispiel auch Leihgaben und Abtretungen von Raubgut an Privatpersonen, Beamten, Ämtern. Martin nimmt Sammeltauschaktionen vor, in denen er „volks- und reichsfeindliches“ Kulturgut gegen Objekte tauscht, die er für seine Museen will. Auch in seinem Hauptsitz Schloß Rohan und in seinem persönlichen Büro im Taulering 8 lagert er beschlagnahmte Ware. Interessiert ihn das vorgelegte Kulturgut nicht für seine Museen, bedeutet es oft die Freigabe zum Verscherbeln und Verschleudern in Auktionen, wird Teil von Tauschaktionen oder geht als Leihgaben an diverse Stellen ab,

 

17.September 1940 

Führerbefehl an die Wehrmacht, die Sicherstellung auf die Form von Enteignungen ausdehnen zu können. Ermächtigung von Görings Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR) durch Hitler, Selbstermächtigung von Gauleiter Wagner in Elsaß-Baden, der Martin deckt.

Martin wird jetzt im Fall Bensinger aggressiver, wie das nächste Dokument zeigt:

 

23. September 1940

Martin an den Oberfinanzpräsidenten Baden

Martin zitiert das Propagandaministerium, ein Jude dürfe auch nach seinem Tode nicht über seinen Kunstbesitz verfügen, daher sei die Sicherstellung der Sammlung Bensinger immer noch gültig.

Das beschlagnahmtes Bild von Segantini solle der Kunsthalle in Besitz gegeben werden. Dann könne er Gegenleistungen der Schweiz in einem Tauschgeschäft fordern. GLA Ka 441-3 Nr. 963 Seite 212

Die Gestapo beschlagnahmt im September 1940 alle Unterlagen der Nachlassverwalter Bensingers, die ein Monat später deportiert werden, mit tödlichem Ende.

 

22. Oktober 1940

Die Gauleiter Wagner und Josef Bürckel lassen 6500 Juden aus Baden und Saarpfalz deportieren, darunter die Erbverwalter des Nachlasses von Bensinger. Zuerst werden sie in ein Lager nach Südfrankreich gebracht, später Drancy und Ausschwitz.

Martin kümmert sich in diesen Wochen um Propagandabilder für Wagner, sucht für den Gauleiter ein Gemälde des Führers und des Feldmarschalls Göring.  Martin möchte Bilder in Auftrag geben, um die  “Geschichte der Bewegung” (also der NSDAP) zu verherrlichen sowie den Krieg (für die Ausstattung der Räume des Reichsstatthalters in Straßburg). GLA Ka 441-3 Nr. 923 Bild 81, 82, 83, 85, 86,  87, 90, 91, 93

Bereits 1936 hatte Martin die Ausstattung des Reichsstatthalters in Karlsruhe aufwendig unterstützt (und war später auch in die Ausstattung der Privatwohnung des Gauleiters involviert). GLA Ka 441-3 Nr. 923 Bild 15ff (Beispiel Bild 19)

Kurt Martin schlug  Gauleiter Wagner den Maler Georg Siebert vor (Werkbeispiel rechts unten), der die nationalsozialistische Kunstauffassung auch in der Leitung der Oberrheinischen Kunstausstellungen in Martins Museum im Palais Rohan vertrat  Bild 87 Der Gauleiter fragte bei Martin seinerseits Wilhlem Sauter an (links unten) Bild 93, dessen Werke auch vom Armeemuseum, das Martin aufgebaut hatte und von Hitler angekauft wurde. Beide Maler wurden Professoren an der Kunstakademie Karlsruhe in der NS-Zeit. Martin wurde dort nach dem Krieg Direktor als Teil seiner Ämterhäufungen.

Wilhelm Sauter "Heldenschrein" 1936 und Georg Siebert "Meine Kameraden in Polen 1939"

Gauleiter Wagner lässt in der Reihe “Oberrheinische Kunstausstellung” das nationalsozialistische Kunstverständnis zeigen, Kurt Martin diente 1939 als Juror. Georg Siebert, einer der Empfehlungen von Martin an den Gauleiter, war in der Leitungsgruppe 1941.

Gleich im ersten Jahr der Besatzung, im Herbst 1940 schlägt  Kurt Martin auf eigene Initiative vor, eine Ausstellung über “nationalsozialistisches Schrifttum” im Kunstmuseum direkt neben dem Straßburger Münster zu zeigen, die im November eröffnet wurde (vgl Rosebrock, 2012, Kapitel Ausstellungen im  Palais Rohan). Es ist die erste Ausstellung im Schloß seit Martin Direktor war. Eine ganze Serie von Propaganda-Ausstellungen folgt darauf im Palais Rohan neben dem Münster, die von Heer, Luftwaffe und Propagandaministerium ausgerichtet werden. Die Kunsthalle Karlsruhe zeigt solche Propaganda-Ausstellungen in der Orangerie. Die “Oberrheinische Kunstausstellung” mit der typischen Kunst der Nationalsozialisten kam jetzt ebenfalls an Martins Kunstmuseum neben dem Münster für die Jahre 1942, 1943, 1944. 

Unten: Gemälde auf dem Titelblatt des Kataloges der “Oberrheinischen Kunstausstellung 1942” in Kurt Martins Kunstmuseum Straßburg

Ausschnitt Titelblatt des Kataloges der "Oberrheinischen Kunstausstellung 1942

 

 

237 Zug 1967 -19 Nr. 123 Seite 63 (siehe auch GLA Ka 441-3)

13. Januar 1941 (Martin an Finanz- und Wirtschaftsministerium)

Martin will weiterhin die Ausfuhrgenehmigung für das Segantini-Bild aus dem Nachlass Bensinger abhängig machen von einer Gegenleistung.

 

Am gleichen Tag fordert Martin in einem weiteren Schreiben an das Ministerium dringlich die Sicherstellung des gesamten Erbes des Juden Gallinek für die Museen. Gemälde, Gobelins und Porzellan sollen umgehend „nach Karlsruhe verbracht“ werden.

Er schickt ein weiteres Schreiben an seinen Kollegen vom Badischen Landesmuseum, dass man die Beute mit Straßburg teilen werde, alles zunächst in seine Kunsthalle gebracht werde. Die Sicherstellung ohne Entschädigung habe er telefonisch bereits mit dem Regierungsdirektor abgestimmt.

GLA Ka 441-3 Nr. 963 Bild 281 und 283

Der Einspruch eines Neffen des verstorbenen Gallinek und des Nachlassverwalters wird in den nächsten Monaten abgeschmettert, am Ende dankt Martin am 8.November überschwänglich für das ‘Geschenk’.

 

24.2.1941

Ein neuer  Nachlassverwalter Bensinger wurde eingesetzt

Das Segantini Bild wird auf 80.000 RM geschätzt (mehr als der Schätzpreis  für den ‘entarteten’ van Gogh in der Sammlung Bensinger, wie er 1939 vom Auktionshaus Nagel taxiert wurde. Adolf Bensinger besaß eines der vier Gemälde, die Vincent van Gogh von der Allée des Alyscamps in Arles malte, zuletzt wurde ein Bild dieser Serie für 66 Millionen Dollar bei Sotheby New York im Jahr 2015 versteigert, siehe  Bericht Auktionsergebnis 6. Mai 2015 ). 

GLA Ka 237 Zug 1967-19 Nr. 123 Bild 64

 

4. März 1941

Der Polizeipräsident aus der Abteilung jüdisches Vermögen fragt Martin, ob er 100 Perserteppiche begutachten kann.

GLA Ka 441-3 Nr. 963 Bild 88

8. März

Martin sagt zu.  GLA Ka 441-3 Nr. 963 Bild 89 

28. März 41

Kurt Martin schreibt an den neuen Nachverlasser von Adolf Bensinger, Herrn Klavehn Berndt, nachdem die alten Nachverlassverwalter deportiert wurden.

Mit „Heil Hitler“ lädt er die Gegenseite zu Verhandlungen ein.

GLA Ka 441-3 Nr. 963 Bild 224

 

1. April 1941: 

Kurt Martins “Generalverwaltung der oberrheinischen Museen“ (GVOM) startet mit dem ersten regulären Haushaltsjahr. Ein hohes Budget steht zu Verfügung.  Martin fordert die Millionenbeträge auch ausdrücklich für die propagandistischen Ziele, da ja französische Kultur im Elsaß “auszumerzen” sei. Ein hohes Budget in Kriegszeiten half auch, Kollaborateure zu finden – gerade im Museum Straßburg. 

Jetzt zeigt sich, welche Bündelung der Macht Martin mit dem neuen Titel erreicht hat. Ob Einkäufe in den besetzten Ländern oder Raubkunst, er kann es an ‘seine’ Museen verteilen, bevorzugt an seinen neuen Hauptsitz in der neuen Hauptstadt des Mustergaus Straßburg.

Martin steigert ab 1941 zunehmend seine Erwerbungen in den besetzten Ländern. GLA Ka 41-3 Nr. 947 Bild 31 bis Bild 51

 

Oktober 1941

Die Deportationen im Deutschen Reich beginnen (ein Jahr zuvor hat Gauleiter Wagner in Baden schon damit begonnen).

 

26.4.41

Die Polizeidirektion bitte die Kunsthalle, beim Verkauf von Raubkunst behilflich zu sein (und bekommt darauf die gewünschte Hilfe)

GLA Ka 441-3 Nr. 963 Bild 490

30. Oktober 1941

Quittung: “Die staatliche Kunsthalle übernimmt kostenlos aus dem beschlagnahmten, nichtarischen Besitz  27 Bilder und zwei Zeichnungen mit der ausdrücklichen Bedingung der freien Verfügung oder der Vernichtung” GLA Ka 441-3- Nr. 963 Bild 97  
Nach 1945 tauchen diese Eingänge nicht mehr in den Listen auf, die Martin zu Erwerbungen aus jüdischem Besitz führt.
 GLA Ka 441-3 Nr 963 Bild  34

1.11.1941

Aktennotiz Martin:

Martin blockiert weiter die Ausfuhr des Segantini-Bildes aus dem Erbe Bensinger, das laut dem Testament in die Schweiz gehen soll.

GLA Ka 441-3 Nr. 963 Bild 234

 

Januar 1942 Wannseekonferenz

1942 erreicht das NS-Regime seine größte Herrschaftsausdehnung in Europa, in diesem Jahr kommt auch der Chauvinismus von Kurt Martin auf den Höhepunkt. Er fordert 1,5 Millionen Reichsmark, um Beschlagnahmungen für die Museen zu übernehmen (und erhält sie). Insgesamt werden 12.000 Objekte im Elsaß beschlagnahmt. 

1942 war auch das Jahr der Pariser Razzia gegen Juden, in der Tausende in das Velodrom nahe dem Eiffelturm gepfercht wurden, bevor sie in die Lager im Osten deportiert wurden. Für Kurt Martin das ideale Jahr für das große Geschäft in Paris.

1942 ist mit Abstand der Höhepunkt von Martins fragwürdigen Einkaufstouren in Paris (und in den Niederlanden), die  bis heute noch vielfach im Museum Straßburg hängen. Martin kauft bei Görings Hehler Hans Wendland und im großen Stil hochwertige Kunst über den fragwürdigen Agenten Adolf Wüster in Paris, Einkäufer für Ribbentrop, den Hitler zum Konsul ernannte, verbunden mit der Deutschen Botschaft in Paris. Botschafter Otto Abetz, der politische Drahtzieher im besetzten Frankreich und sein Partner Karl Epting vom Deutschen Institut hatten gleich zu Beginn der Besatzungszeit ab Juli 1940 Razzien in Galerien und Schlössern durchgeführt, Raubkunst gesammelt und in der deutschen Botschaft gelagert. Martin war auch mit Abetz direkt im Kontakt, um Tauschhandel mit Bildern einzufädeln (29.März 41 Martin an Abetz, 441-3 Nr. 923 Bild 148), Kurt Martin kannte Abetz noch aus dem Sohlbergkreis vor 1933.

In Paris nutzte Martin den günstigen Zwangsumtausch für Einkäufe, wechselte bald mit dem Agenten Wüster zu Bargeldgeschäften statt Banküberweisung, um Genehmigungen zu umgehen (siehe Schreiben Martin an Wüster 14.5.1941), nutzte teils Militärtransporter der Wehrmacht in Frankreich (Beispiel GLA Ka 411-3 Nr 949 Bild 456 ) oder privaten Transport wie in den Niederlanden, da auch für die Speditionen oft zusätzliche Genehmigungen erforderlich waren, die das Wegschaffen des Kulturgutes behinderten. Im Jahr 1941/42 wird Martin mehr hochkarätige Meisterwerke anschaffen, als es in Friedenszeiten über viele Jahre möglich gewesen wäre. Er kaufte teilweise auch bei angesehenen Galerien in Paris, doch dabei ist auffällig, das gerade hochkarätige Anschaffungen (Goya, Rubens, van Dyck, Breughel, Corot, Sisley, Fragonard, Koch etc. ) aus den dubiosen Quellen Wüster und Wendland stammen. In den Niederlanden kauft Martin 1941 bis 1943 unter anderem bei der “Dienstelle Mühlmann” benannt nach SS-Führer Mühlmann, die Raubkunst an NS-Größen vermittelte,  Kunsthandel Cassirer, dessen frühere jüdischen Besitzer ins Ausland geflüchtet sind und Walter Bachstitz, der mit seiner jüdischen Frau unter dem Schutz Görings stand, um den Besatzern als Quelle günstiger Kunsteinkäufe zur Verfügung zu stehen.1944 konnte Bachstitz unter einem hohen Preis noch ins Ausland flüchten.

Die Einkaufslisten finden sich im Staatsarchiv Stuttgart (OMGUS-Akten) und im Landesarchiv Karlsruhe. GLA Ka 441-3 Nr. 947 Bild 33  34, 35, sowie Seite 31 bis 51 

 

Goya Gemälde im Museum Straßburg, Palais Rohan, 1942 durch Kurt Martin von Adolf Wüster erworben, Foto Joo Peter

 

10. März 1942

Kurt Martin versucht weiter das Testament von Bensinger, das Ausfuhr an die Erben im Ausland vorsieht, zu blockieren.

Martin behauptet eine Ausfuhrsperre um ein möglichst lukratives Tauschgeschäft zu erreichen. Tatsächlich macht die Schweiz ein Angebot – er lehnt es ab (die Schweizer bieten eine Dürer-Druckgrafik-Serie).

GLA Ka 441-3 Nr. 963 Bild 239


31. März 1942
Kurt Martin fordert 1,5 Millionen Reichsmark um volks- und reichsfeindliches Vermögen in seine Museen aufnehmen zu können.
(Schreiben von Kurt Martin zum Haushaltsplan 1942 an den Chef der Zivilverwaltung des Elsass, 31.März 1942 in Chef der Zivilverwaltung, Haushaltsakten,  GLA 441 Zug 1981/70 Nr. 91. 
Die Mittel werden später bewilligt. 

Gauleiter Robert Wagner (vorn)

1.Mai 1942

Martin an Oberfinanzpräsidenten in Baden

Es geht nochmals um das blockierte Testament von Bensinger, die Ausfuhrsperre für ein Bild in die Schweiz. 

Martin spottet über das Angebot aus der Schweiz, äußert sich verächtlich über die Fachkompetenz des Kollegen und produziert sich mit seinen eigenen Kenntnissen.

Er will eine höheren Gegenleistung, die der Kunsthalle überlassen werden soll, empfiehlt die Ablehnung des Angebotes. Der Oberfinanzpräsident folgt der Empfehlung und lehnt das Angebot aus der Schweiz darauf ab. Dennoch wird Martin später leer ausgehen, er hat die Sache überreizt. Die höheren Dienststellen werden Ende des Jahres klarstellen, dass die Ausfuhrsperre, die Martin seit Monaten als Druckmittel verwendet, nicht besteht. GLA Ka 441-3 Nr. 963 Bild 241

 

Juli 1942 

Kurt Martin kauft bei Görings Hehler Wendland in Paris einen wertvolle Bilder von van Dyck und Boucher,  während Massenfestnahmen von Juden in der Stadt statt finden. 

 

11.8.42

Bericht von Lieferungen von beschlagnahmtem Hausrat aus den Niederlanden (Insgesamt kommen 408 Güterwaggons aus Rotterdam nach Mannheim, wie eine Studie der Kunsthalle Mannheim 2015 dazu berichtet). Wegen „Führervorbehalt“ sollen Museumsleiter die Lieferungen auf museumswürdige Kunst prüfen. Kurt Martin wird dabei angefragt und auch informiert, dass er die Aufgabe delegieren kann. Martin will im weiteren Verlauf aber unbedingt bei der Begutachtung dabei sein, selbst bei schwerer Krankheit delegiert er hier nicht.

GLA Ka 441-3 Nr. 963 Bild  107

 

24.9.42

Martin an den Oberfinanzpräsidenten

Er habe für Posse schon ähnliches erledigt, beteilige sich an der Prüfungen der Waggonladungen beschlagnahmter Güter aus den Niederlanden.

Hans Posse hatte die Leitung für Hitlers Museumsprojekt in Linz übernommen, war Direktor der Dresdner Gemäldegalerie.

GLA Ka 441-3 Nr. 963 Bild 111

 

28.9.42

Martin nennt das Schreiben vom 11.8.42 aus dem Reichskommissariat der besetzten Gebiete in den Niederlanden mit der Aufforderung zur Sichtung der Güterwaggons mit beschlagnahmten Gut aus den Niederlanden, die in Mannheim angekommen sind. Walter Passarge, Direktor der Kunsthalle Mannheim ist hier zugeteilt. Damit hätte  Martin wohl einen Vorwand, sich nicht an der Begutachtung zu beteiligen, könnte den Fall delegieren, wird dennoch Wert darauf legen, an der Begutachtung teilzunehmen.

GLA Ka 441-3 Nr. 963 Seite 112

 

23.11.42 und 5.12.42

Minister des Kultus und Unterrichts 

Ministerium stellt klar, es habe keine Sperrung des Segantini-Bildes verfügt

GLA Ka 237 Zugang 1967-19 Nr. 123 Bild 71 und 72

 

8.12. 42

Auch das Badisches Finanz- und Wirtschaftsministerium stellt klar, es besteht keine Ausfuhrsperre für Segantini-Bild

Martin hat in diesem Fall verloren, gibt aber immer noch nicht auf.

GLA Ka 441-3 Nr. 963 Seite 247

 

(13.)12. 42 

Martin bittet Wendland, Görings Hehler um Hilfe, ob ihm nicht doch noch etwas einfällt, wie bei dem Segantini-Bild von Bensinger etwas zu machen sei, knüpft an ältere Vorschläge von Wendland zu Tauschgeschäften an. 

GLA Ka 441-3 Nr. 963 Bild 248

 

16.12. 42 

Wendland erwähnt Martins Interesse an einem van Gogh Bild als nützliches Tauschobjekt, Martin befürworte den Export in die Schweiz dazu. Nach Monika Tatzkow handelt es sich hier um den van Gogh aus der Sammlung Bensinger. 

GLA Ka 441-3 Nr. 963 Bild 250 bis 251

Von den 120 Werken Van Goghs im Privatbesitz in Deutschland sind heute noch 15 Werke in deutschen Museen übrig (siehe Feilchenfeldt 2009, S 27). Kurt Martin war an diesem Ausverkauf der ‘entarteten’ Moderne ins Ausland beteiligt. 

24.12. 1942

Auch an Weihnachten ist Kurt Martin unermüdlich für die Arisierung im Einsatz und schreibt eine Serie von Briefen dazu. Der erste an Erhard Göpel, der in Den Haag Raubkunst für das geplante Führermuseum in Linzer suchte:

Martin sagt mit “Heil Hitler” zu, die große Lieferungen (Lifts) mit beschlagnahmter Hausrat aus den Niederlanden zu begutachten.

GLA Ka 441-3 Nr. 963 Bild 124

24.12.1942

Kurt Martin an Finanzamt Karlsruhe : Zusage zur Besichtigung von beschlagnahmten „volks- und reichsfeindlichen Vermögen“ aus den Niederlanden

GLA Ka 441-3 Nr. 963 Bild  125 

24.12.42

Kurt Martin an Oertel, Referent für den Sonderauftrag Linz, Staatsgalerie Dresden (Direktor Posse, der die Leitung für das Führermuseum in Linz übernommen hatte, war eben verstorben).

Zusage für Begutachtung der Waggons mit Beschlagnahmungen aus den Niederlanden.

Martin schreibt Oertel, er wolle seine Hand halten, wegen des schweren Verlustes seines Vorgängers Posse. Jedoch kein Mitgefühl für die Verfolgten, die hinter den unzähligen Waggons mit Beschlagnahmungen aus den Niederlanden stehen.

GLA Ka 441-3 Nr. 963 Bild 126

31.12.42 Oertel an Martin über Güterwaggons mit Raubgut aus den Niederlanden: die Schätze sollen u.a. nach Linz, Ostgebiete, Elsaß.

GLA Ka 441-3 Nr. 963 Bild 129

 

1943 zeichnet sich nach Stalingrad die Kriegswende ab. Ankäufe von Kurt Martin in Paris gehen zurück, die Preise steigen, dafür hält man sich zunehmend an Beschlagnahmungen schadlos, die an Fliegergeschädigte und viele andere gehen sollen, bei manchen auch Begehrlichkeiten wecken. Immer noch von Herrschaftsphantasien berauscht, hofft man in Hunderten von Güterwaggons beschlagnahmtem Hausrats aus den Niederlanden Schätze für das Führermuseum in Linz und Museen in Baden zu finden.

 

7. Januar 1943

Schreiben von Kurt Martin an Finanzamt Mannheim zur Verwaltung von „volks- und reichsfeindlichen Vermögen“

Kurt Martin muß  wg. Erkrankung Termin für beschlagnahmte Objekte verschieben. Trotz Erkrankung will Kurt Martin die Aufgabe nicht delegieren.

GLA Ka 441-3 Nr. 963 Bild 130

 

Schreiben von Kurt Martin vom 22. Januar 1943

Kurt Martin verschiebt den Termin wg. Lungenentzündung nochmals,  delegiert immer noch nicht die Aufgabe „volks- und reichsfeindlichen Vermögen“ zu bewerten

GLA Ka 441-3 Nr. 963  Bild 133

4.3.43

Martin berichtet Oertel von den Stichproben zu den Beschlagnahmungen aus den Niederlanden.

Von  600 „Lifts“ etwa 80 ausgepackt, im Hausrat der Verfolgten findet er keine großen Schätze für die Museen, was die Freigabe zum Verscherbeln des Raubgutes bedeutet.

GLA Ka 441-3 Nr. 963 Bild 137

Die Beschlagnahmungen können auch als Tauschobjekte dienen.

Kurt Martin wickelt eine Reihe von größeren Tauschaktionen mit „volks- und reichsfeindlichem“ Vermögen ab, im Gegenzug bekommt er Objekte von Interesse für sein Museum von Privatpersonen oder einer Galerie (hier Galerie Valentin Stuttgart), die dann nicht mehr aus „jüdischen Händen“ sind:

Tausch mit Frau Sieglinde von Armin aus Karlsruhe, gez. Martin 2.2.1943, gez. Armin 5.2.43 Bild 25 und 26

Tausch mit Herrn Weigt am 9. Gez Schellbach, 11. Juni 1943 gez. Weigt Bild 27 und 28

Tausch mit Herr Lutz aus Göppingen, 11. Juni gez. Martin, 19. Juni gez. Lutz

Tausch mit Galerie Valentin Stuttgart. 9. Juni gez. Schellenbach, ohne Gegenzeichnung von Valentin  Bild 29

Die Objekte von Valentin werden in der Kunsthalle mit Inventarnummern versehen, sind wohl demnach angekommen, doch die Gegenzeichnung der Galerie Valentin fehlt. Valentin war für die Ablehnung des NS-Regimes bekannt, förderte noch lange ‘entartete Kunst’. Möglicherweise fand dieser Tausch nicht freiwillig statt.

 LGA Ka 441-3 Nr. 947 Bild 25 bis 29 

 

19. März 1943

Martins Behinderungen des Testaments von  Bensinger hat auch Jahre später immer noch Nachwirkungen.

Das Propagandaamt Baden will Lichtbild und Informationen zum Segantini-Bild vor einem Export. Der Fall ist zu diesem Zeitpunkt  immer noch nicht geklärt, nach dem andere Behörden bereits die Exportfreigabe gaben.

Es ist das letzte Dokument zum Fall Bensinger vor dem Kriegsende in dieser Akte.

GLA Ka 237 Zugang 1967-19 Nr. 123 Seite 74

 

8. April 1943

Martin macht weiterhin Ortsbesuche zur Begutachtung von Beschlagnahmungen, hier nach Offenburg zur Verwertung des Vermögens von Dr. Walter Kahn, empfiehlt es später zur Verwertung dem Ortsmuseum. GLA Ka 441-3-Nr. 962 Bild 503

 

Die Kunsthalle Karlsruhe verzeichnet 1944 die letzten Erwerbungen aus nichtarischem Besitz. GLA Ka 441-3-Nr. 962 Bild 35

 

1.4.1944

Kurt Martin übergibt in Straßburg 41 Schätzungslisten zu „volks- und reichsfeindlichem Vermögen“. Er hat immer weniger Personal, an die er delegieren könnte, viele wurden eingezogen. Massenweise wurde seit Jahren beschlagnahmtes Gut im Kaufhaus Bon Marché eingelagert.

GLA Ka 441-3 Nr. 962 Bild 221

Martin ließ bis Kriegsende 1300 Kisten Kulturgut aus Strassburg auf die rechte Rheinseite ins Salzbergwerk Heilbronn bringen (Schrenk 1997, S.75),

Es gab noch etliche weitere Lagerstätten im Südwesten.

Im November 1944 wird Straßburg befreit.

 

Martin korrespondierte bis 1945 weiter mit Hehlern von Raubkunst wie Gurlitt und Plietzsch, er meldet Plietzsch weiter Interesse an Erwerbungen. Plietzsch seinerseits meldet Martin noch im März 1945, dass er Ware aus den Niederlanden herausbringen konnte.

 

1.2.1945

Mitarbeiter Schnellbach an Martin:

Schnellbach drängt auf strengere Bewachung der KZ-Häftlinge im Salzbergwerk Heilbronn.

Schnellbach berichtet von chaotischen Zuständen im Salzbergwerk Heilbronn, die Wachen seien häufig betrunken, die KZ-Häftlinge würden in den Stollen mangels strenger Bewachung stehlen, Leichen fleddern. Woher die Toten stammen, erwähnt er nicht, das Interesse gilt allein dem Lagergut. Die KZ-Häftlinge nennt er Zebras und Mäuse. Der letzte Name kam wohl auf, da die KZ-Häftlinge in den großen Stollen ohne Licht im Dunkeln herumhuschen und manchmal plötzlich verloren vom Scheinwerferlicht getroffen werden.

„Wenn nicht der Führer so zuversichtlich gesprochen und alle so emporgerissen hätte, könnte man an dem gegenwärtigen Zustand verzweifeln“, schreibt Schnellbach im Jargon der Zeit oder aus fragwürdigem Sarkasmus.

GLA Ka 441-3 -1134 Seite 1 und Seite 2

12.Februar 1945

Martin in Baden-Baden an Ministerialrat

Martin schreibt, der Sicherheitsdienst der SS wurde informiert, dass die KZ-Häftlinge im Salzbergwerk Heilbronn besser bewacht werden sollen.

Sein Mitarbeiter Schnellbach, der sich um die Einlagerungen kümmerte, hat an Bedeutung gewonnen und ist zum Direktor befördert worden: Martin überfallen Ängste des Herrschaftsverlustes und er drängt in diesem Schreiben das Ministerium eifersüchtig darauf, per Erlass sicherzustellen, dass der neue Direktor Schnellbach nur als Direktor bei der Kunsthalle eingestuft wird, er selbst aber Direktor der Kunsthalle bleibt. GLA Ka 441-3 -1134. 

 

17. Februar

Kurt Martin beklagt sich nochmals, die KZ-Häftlinge im Salzbergwerk Heilbronn würden zu freundlich behandelt (wörtlich verwendet er eine doppelte Verneinung um die Klage vorzubringen, die Wachen würden die Diebstähle und Schäden fördern, indem die Häftlinge leider “nicht unfreundlich” behandeln würden).

GLA Ka 441-3 -1134 

 

20. Februar

Kurt Martin berichtet, er habe (nach den Beschwerden beim Sicherheitsdienst der SS) auch beim Gauleiter und im Innenministerium Beschwerde gegen die unzureichende Bewachung der KZ-Häftlinge eingelegt. GLA Ka 441-3 -1134 

 

Martin war zu diesem Zeitpunkt längst aus Strassburg geflüchtet und immer mehr auf dem Rückzug. 

Im April 1945 wurden die KZ-Häftlinge, die im Salzbergwerk Heilbronn eingesetzt wurden, im Hessentaler Todesmarsch Richtung Dachau in Bewegung gesetzt, den die meisten nicht überlebten.

 

Mai 1945 Kriegsende.

 

 

Nachspiel zum Fall Bensinger

Monika Tatzkow berichtet 2014, das die meisten Werke der Sammlung Bensinger nach 1945 verschollen blieben, einige wurden im Lauf der Jahrzehnte gefunden und an Erben rückerstattet. Die Suche dauere an.

 

Die Nachfahren Bensinger kontaktierten nach 1945 auch Kurt Martin, der bald wieder fest im Sattel als Direktor der Kunsthalle saß.

Martin zeigte nie Reue im Fall Bensinger, im Gegenteil (Schreiben vom 3. November 1947, GLA Ka 441-3 Nr. 963 Bild 259 und 260 ). Er bedauerte immer noch, dass Bensinger die Werke nicht ihm überlassen habe. Dabei widerlegte Martin unbemerkt seine eigene, jahrelange Legende, Bensinger habe ihm vor dem Tod die Schenkung bereits zugesagt. Denn jetzt berichtet Martin von einem der Gründe, die Bensinger ihm zur Ablehnung nannte: “Herr Bensinger sagte mir jedoch damals, dass ein Teil seiner Erben ausländischen Staatsangehörige seien und man doch wohl nicht wagen würde, ausländisches Eigentum zu beschlagnahmen. Leider hat sich seine Annahme als unrichtig erwiesen.“

„Leider“, schreibt Martin den Erben hier voller Sarkasmus, als habe er selbst damit nichts damit zu tun gehabt. Dabei war Martin selbst die treibende Kraft, hier das “ausländische Eigentum zu beschlagnahmen”. 

Martins Versuch, die Geschichte auf den Kopf zu stellen und sich nachträglich mit vielen freundlichen Worten scheinbar auf die Seite der Verfolgten zu stellen, verfehlte oft nicht seine Wirkung, viele ließen sich täuschen. Vor und nach 1945.

 

 

 

Anhang

Kurt Martin, Kunsthistoriker (1899 -1975) 

1933 Aufbau des Armeemuseums Karlsruhe 

1934 -1956 Direktor der Kunsthalle Karlsruhe 

1939-1945 Sachverständiger für volks- und reichsfeindliches Vermögen 

1940-1944 Generalverwaltung Oberrheinische Museen (GVOM) 

1946 International Council of Museums (ICOM) Mitbegründer Leiter des deutschen Nationalkomitees der ICOM (15 Jahre) 

1948-1975 Verwaltungsrat Germanisches Nationalmuseum Nürnberg 

1955 Documenta I , Mitbegründer der Documenta

1956-1957 Direktor der Kunstakademie Karlsruhe 

1957-1964 Generaldirektor der bayrischen Gemäldegalerie als Nachfolger von Ernst Buchner, der selbst in der NS-Zeit vorbelastet war. In Martins Amtszeit fielen umstrittene Rückgaben an die Familien Göring, von Schirach, Frank und Streicher. 1965 Kommissionsleitung, um die restliche Raubkunst der Collection Points unter die Museen zu verteilen 

1955 bis 1964 – Herausgeber der “Kunst des Abendlandes” Band 1 bis IV, konservative Standard-Schulbücher zur Kunstgeschiche

1959  im Arbeitsauschuss der Documenta II 

1964 im Arbeitsauschuss der Documenta III 

1968 im Arbeitsauschuss der Documenta IV

 

 

Skizze zu Kurt Martins Rolle in der Documenta 

Als Kurt Martin zum ersten Mal von der Idee der Dokumente erfuhr, schwebte ihm zunächst ganz nach alten Stil eine Art Reichsgartenschau mit nationaler Kunstschau vor, zur der man  “ein oder zwei” Ausländer einladen könne. Er nannte Bedenken wegen der Kosten. Auch später, als die erste Documenta bereits lief, schlug Kurt Martin allen Ernstes einen Kameramann von Leni Riefenstahl zur Dokumentation vor, Walter Hege, der neben Olympia 1936 auch „Die Bauten Adolf Hitlers“ 1938 gefilmt hatte, in denen das Bauhaus ausdrücklich im Filmkapitel „Verfall“ präsentiert wurde (siehe Film hier im Link) Martin hatte auch nach dem Krieg mit Walter Hege zusammen gearbeitet.

Wie Kurt Martin dennoch zu einer grauen Eminenz der Documenta werden konnte, der es länger als Werner Haftmann noch bis zur Documenta 1968 auf seinem Posten hielt, ist eine ungewöhnliche Geschichte. Kurt Martins Schwerpunkt lag lange Zeit deutlich bei den alten Meistern und  der Vormoderne. 

Das NS-Regime hatte aus dem Provinzmuseumsleiter ein gewichtiges Alpha-Tier der Museumswelt in Deutschland gemacht, wie die Position nach dem Krieg halten? Welcher Karrieresprung war nach dem Generaldirektor aller Museen in Baden- und Elsaß noch möglich? Wie sich gleichzeitig nach dem Krieg rehabilitieren?  Mit dem selben Eifer, mit der er die Moderne vor 1945 vermied, suchte er jetzt den Anschluß, vor allem bei der Siegermacht USA sowie in der Erweiterung seiner alten Kontakte in Frankreich und der Schweiz. Er übernahm eine fertige Ausstellung abstrakter Kunst aus den USA, begleitete eine deutsche Ausstellung in den Staaten. Kurt Martin erkannte nach dem Krieg die Bedeutung von internationalen Museumsorganisationen, wurde bereits 1946 Mitbegründer der International Council of Museums (ICOM) und Leiter des deutschen Nationalkomitees für 15 Jahre. Auch wenn sich Martin mit Ausstellungen der Moderne zu profilieren versuchte, zeigen Martins eigene Publikationen der Nachkriegszeit weiter einen Schwerpunkt bei alten Meistern wie Dürer, Altdorfer, Grünwald, Hans Baldung Grien, er publizierte einen Führer der alten Pinakothek. 

Bei den ersten Kontakten zur Documenta-Planung ab 1954 war Kurt Martin noch sehr skeptisch, aber darauf bedacht, in seiner internationalen Rolle, in der er sich selbst sehen wollte, nicht übergangen zu werden. Er machte sich mit seinen alten und neuen Kontakten nützlich. Im Krieg war die Schweiz ein Umschlagplatz für Raubkunst. Die „entartete“ Moderne war oft in die Schweiz verkauft worden, siehe auch Martins Tauschaktionen zu van Gogh. Jetzt waren die Kontakte von Kurt Martin hilfreich, Werke der Moderne im Ausland zu leihen, um sie wieder in Deutschland zeigen zu können.

(Schreiben von Kurt Marin an das Innenministerium 8.November 1954 Seite 1 und Seite2 GLA Ka 441-3- 825)

 

 

Martins Erbe: Frankreich und Niederlande im Streit um Raubkunst

Nach 1945 kam es zu einem langjährigen Konflikt zwischen Frankreich und den Niederlanden über Rückgabe von Werken, die Kurt Martin in der Besatzungszeit auf fragwürdigen Einkaufstouren in den Niederlanden für seine Generalverwaltung Oberrheinische Museen erworben hatte.  Dabei war die Rechtslage eigentlich klar: Das Londoner Abkommen 1943 besagte “jedes Entfernen von Kulturgut durch die Besatzer, sei es durch Beschlagnahme, sei es durch ein formales ‘Rechtsgeschäft’ wurde als Verminderung des ‘nationalen Kulturgutes’ betrachtet und damit als Raub bewertet.” (Tisa Francini/Heuss/Kreis 2001, S. 328-329). Kurt Martin war Teil der Besatzung. Die  fragwürdigen Erwerbungen in der Besatzungszeit gingen nach 1945 in die Regel an die Länder zurück, die Amerikaner im Südwesten regelten es vorbildlich.  Aber nicht so in Straßburg.

Gegen Kriegsende machte Martin Pläne für die Flucht. Er würde zur Not in den Wäldern kampieren, schrieb er in einem Brief (4), zog sich dann später auf eine kleine Halbinsel am Bodensee zurück, nicht ohne Schlüsselpapiere zu sichern, die ihm später nützlich werden können, so die Listen für die 20.000 Kisten Kulturgut im Salzbergwerk Heilbronn.

Anfang September 1945 war es dann soweit, die Amerikaner spürten Martin in der französischen Zone am Bodensee auf. Die Kunsthalle Karlsruhe lag in der amerikanischen Zone, davon hing Kurt Martins weitere Karriere ab. Der Kunstschutzbeauftragte James Rorimer, der Martin aufsuchte,  war in Verlegenheit, denn in den Salzbergwerken Heilbronn war wegen eines Wasserschadens die einzigen Listen zu den 20.000 Kisten Kulturgut verloren gegangen. Rorimer mißtraute den alten Eliten im NS-Staat, war jedoch auf Martin angewiesen. Kurt Martin war sich im Klaren darüber, für seine weitere Karriere nach dem Krieg musste er jetzt Entlastungszeugen vorweisen. Es gab auch Beschwerden über seine große Nähe zu Gauleiter Wagner und persönliche Bereicherung (Martin besaß eine große private Sammlung). Die Beschwerde kam von namhafter Quelle, ein anderer Museumsdirektor in Karlsruhe, der enger mit dem Denkmalamt verbunden war, Ludwig Moser. Doch Martin zeigte sich als umsichtiger Machiavellist, der alle in gegenseitiger Abhängigkeit ordnen konnte. Im September 1945 appellierte er an die französische Seite, mit den Amerikanern zu verhandeln, damit Straßburg die Raubkunst aus den Niederlanden nicht zurückgeben muß, die er in der Besatzungszeit angeschafft hatte (7), denn es zeichnete sich ab, dass die Amerikaner hier auf Rückgabe setzen würden. Die Partner in Straßburg ließen sich hier schon sehr früh von Martin einfangen,  sich möglichst an die Werke aus den Niederlanden zu klammern. Die Kollaborateure in Straßburg blieben der langjährigen Zusammenarbeit verbunden und wussten, was sie zu tun hatten, stellten Martin gegenüber den Amerikanern einen Persilschein aus, den er für den Karrierestart nach dem Krieg dringend benötigte. Martin musste sich nicht mehr am Bodensee verstecken und konnte rasch wieder die Leitung in Karlsruhe übernehmen und half gleichzeitig in der französischen Zone, die Werke aus Holland auf die linke Rheinseite in Sicherheit zu bringen.  Die Amerikaner machten sich über das doppelte Spiel Kurt Martins keine Illusionen, mussten jedoch anerkennen, wie sich Martin unentbehrlich zu machen wusste und aus Strassburg  Rückendeckung bekam. Martin besaß auch, was Rorimer jetzt dringend brauchte: auf knapp 50 Seiten war der gesuchte Schlüssel zu den 20.000 Kisten im Salzbergwerk Heilbronn, die Martin seit Monaten in Händen hielt und nur persönlich an die Amerikaner geben wollte, zusammen mit Informationen vieler anderer Lagerstätten. Martin hatte sich wieder in Schlüsselstellung gebracht. Wer Kritik gegen Kurt Martin wagte, wurde entlassen, wie der Direktor des Karlsruher Schloßmuseums Ludwig Moser. Er hatte es gewagt, Martins frühere Nähe zum Gauleiter Wagner anzusprechen und eine längere Liste weiterer, schwerer Kritikpunkte vorgebracht. Er wurde kurzerhand als eifersüchtiger Konkurrent abgetan und von den Alliierten entlassen. Martin hatte sich hier durchgesetzt –  doch falls Martin im Stillen Hoffnungen hegte, seine Raubkunst in Karlsruhe behalten zu können, wie es in Straßburg möglich wurde,  gab es dazu bei den Amerikanern keine Verhandlungsbereitschaft. In Karlsruhe musste Martin den Musterschüler für Rückgaben geben, doch in Straßburg setzte er sich dafür ein, dass seine Erwerbungen ausgenommen bleiben.

In ihrem eigenen Bereich blieben die Amerikaner konsequent, Raubkunst zurückzugeben,  konnten das jedoch nur in ihren Sektoren tun. Kurt Martins Appell an die französische Seite im September 1945 zeigte auf seine Weise Wirkung, schon einen Monat später im Oktober 1945 wurden Kunstwerke aus den Niederlanden aus dem Lagerort Pfullendorf, das im französisch besetzten Teil nahe dem Bodensee lag, der französischen Militärregierung übergeben und nach Frankreich in Sicherheit gebracht (8). Darunter ein schöner Klassiker von Pieter Claesz, den Martin besonders schätzte und der in den folgenden Jahren, als die Niederlande vergeblich um Rückgaben aus Straßburg kämpfte,  konsequent verschwiegen wurde. Die Franzosen brachten im  Dezember 1945 weitere niederländische Raubkunst, die in ihrem Sektor in Baden-Baden lagerte,  mit Unterstützung von Kurt Martin auf die linke Rheinseite (9). 

Doch das Salzbergwerk Heilbronn lag im amerikanischen Sektor. Am 11. Oktober 1945 wurden die niederländische Raubkunst zum Checkpoint in Wiesbaden gebracht. Der Straßburger Direktor Haug versuchte jetzt auch im Collection Point Wiesbaden die Raubkunst aus den Niederlanden zu holen (10), doch die Amerikaner verweigerten ihm die Passage – das unrühmliche Tauziehen hatte bereits begonnen.

Die Niederländer drängten bald auf Rückgabe

Die Amerikaner handelten schnell, nachdem in den Checkpoints alles soweit geordnet und registriert war, schickten sie zwischen März und Mai 1946 die Erwerbungen von Kurt Martin aus Holland, die sie in ihren Sektoren gefunden hatten, zurück in die Niederlande (11).

Anders die Franzosen: Im Januar 1946 erhielt der Direktor des Straßburger Museums Haug eine Liste mit Rückgabeforderungen der Holländer – er lehnte ab. Im März 1946 erschien der niederländische Kunstschutzoffizier Jaffé persönlich um die Werke abzuholen. Haug hatte von Kurt Martin gelernt und nutze jetzt alle Tricks, um Jaffé ins Leere laufen zu lassen, es zog sich über acht weitere Jahre hin und erinnerte immer mehr an die Machtspiele von Kurt Martin in der NS-Zeit mit dem Sengantini-Bild von Bensinger. Haug nutzte typische Mittel, die auch Jonathan Petropoulos später als  Strategien der Museen zur technischen Abwehr gegen Rückgabe von Raubkunst beschrieb.  

Bei der Forderungsliste aus den Niederlanden gab es Abweichungen zum Bestand, teils befanden sie sich an anderen Lagerorten. Die mögliche Klärung von zutreffenden Einzelwerken vermied Haug jedoch und sorgte auch nicht für die notwendige Transparenz und Informationsfluß zum Übrigen. Darunter befanden sich auch Erwerbungen von Kurt Martin in den Niederlanden, die Jaffé in seiner Rückforderung vergessen hatte (6) und Haug wohlweislich verschwieg – was Haug bis zum Schluss  Sorgen bereitete, wie Haug selbst am Ende in einem vertraulichen Schreiben gestand, das bis heute erhalten blieb (5). 

Bei der Ablehnung der Rückgabe verwies Haug die Niederlande 1946 auch auf angeblich fehlende rechtliche Klärung und ging dann früh zur Umdeutung  über, die später weiter ausgeschmückt wurde: das Elsaß sei 1940-1944 immer französisch geblieben,  Kurt Martin habe nicht als Besatzer eingekauft, sondern für Frankreich und seinem französischen Museum. Martin hätte immer nur mit dem Geld der treuen und ehrlichen elsässischen Steuerzahlers Kunst in den Niederlanden angeschafft.

So einfach ist es nicht. Einer der schlimmsten Gauleiter unter Hitler hatte sich Straßburg als neue Hauptstadt seines Mustergaus Baden-Elsaß genommen, in die deutsche Zivilverwaltung eingegliedert, seinen Protegé Martin als Leiter aller Museen in Baden-Elsaß eingesetzt,  mit einem hohen Budget in Reichsmark ausgestattet. In den Niederlanden sorgten neben Zwangsumtausch zudem die Reichskassenscheine noch für eine größere Ausbeutung. Allein die Einnahmen im Elsaß aus den Zwangsversteigerungen von volks- und reichsfeindlichem Vermögen (12.000 Objekte wurden 1940-1944 beschlagnahmt) reichen im Saldo für die Budgeterhöhungen, die Martin für seine Anschaffungen nutzte. Die Legende vom besetzten Elsaß unter Gauleiter Wagner als eine Insel der Seligen und Unschuldigen, in der ehrliche Steuerzahler mit sauberem Geld in den besetzten Niederlande der Kriegszeit ganz korrekt Kunstschätze für Frankreich erwarben, hatte groteske Züge.  Der Fall zog sich Jahre hin.

Unten: persönlicher Stempel von Kurt Martin als Generaldirektor in Strassburg 

 

Stempel von Kurt Martin als Generaldirektor der oberrheinischen Museen auf einem Dokument vom 16.2.1945- GLA 441-3-1134

Die Niederlande blockierte die Ausfuhr eines anderen Restitutionsfalls nach Frankreich, um mit diesem Druckmittel die Werke in Straßburg zurückzubekommen. Doch Frankreich konnte das einfach kontern und im Gegenzug selbst andere Ausfuhren blockieren und zum Tausch anbieten. Bis zuletzt beharrte Frankreich auf eine Sonderregelung für Straßburg und erstellte schließlich ein Gutachten zu eigenen Gunsten,  indem es Werke zurückforderte, die Deutschland bereits an die Niederlande zurück gegeben hatte. Das waren zwei Drittel der Einkäufe vom Kurt Martin in den Niederlanden. Frankreich bot dann die endgültige Anerkennung dieser Rückgaben an die Niederlande an, wenn im Gegenzug die übrigen Werke in Straßburg bleiben könnten. Ansonsten würde ein schwerwiegender diplomatischer Konflikt entstehen. Nach vielen Jahren der Zermürbung gab die Niederlande 1954 schließlich nach.

Frankreich schuf hier in der Restitutionspolitik eine Sonderregelung für Straßburg (14) , um die problematischen Erwerbungen von Kurt Martin behalten zu können, quasi eine Lex Martin. 

Die Vereinbarung blieb fragwürdig. Zudem hatte Haug bis zum Schluss Werke verschwiegen, die die Niederländer in den Rückforderungen von Anfang an vergessen hatten, wie Haug in einem vertraulichen Schreiben einräumte (5). Diese Werke waren in der Vereinbarung mit den Niederlanden 1954 nicht genannt und nicht abgesichert. Und sind es nicht bis heute?

Darunter befindet sich das Stillleben von Pieter Claesz, das im Oktober 1945 noch schnell aus dem Depot in Pfullendorf auf die linke Rheinseite gebracht wurde, sowie weitere Werke (siehe unten).

„Stilleben mit Krabbe“ von Pieter Claesz, wiki
„Fischmarkt“ von Joachim Beuckelaer, wiki
„Allégorie sur la Vanité" von Cornelisz van Haarlem, public domain, wiki

(4) Martin an Haug Ende September 1944 in GLA 441 Zug 1982/38 Nr 60

(5) Vgl. Haug an Valland, 12.11.1954 („Confidentiel“), in: MAE carton no. 416, P 64 Musées de Starsbourg (nach Rosebrock 2012)

 (6) Vgl Haug an Jolles, 29.9.1949, in: MAE carton no. 416, P64 Musées  de Strasbourg (nach Rosebrock 2012)

(7) Vgl. Martin: Note concernant la Restitution de Tableaux au Gouvernement Hollandais, 29.9.1945 in GLA 441 Zug 1981/70 Nr 19

(8) Vgl. Jardot an ‚Administrateur Général Adjoint pour le gouvernement Militaire de la Zone Francaise d‘occupation, 5.11.45 in : MAE carton no. 224 B19, BIA 166, 1945-1950, und in: MAE carton no. 416 P 64 Musées de Strasbourg (sousdossier : 1947-1951) sowie Dokumentation der Ver- und Umpackungen im Amtsgerichtsgefängnis Pfullendorf 18. bis 22. Oktober 1945 in GLA 441 Zug 1981/70 Nr. 18 (nach Rosebrock 2012)

(9) Vgl. Haug: Empfangsbescheinigung 2 Oudrey, 1 Bassano, 19. 12.1945 in MAE carton no 336, D23, Strasbourg 1, 2,4,5,8 (nach Rosebrock 2012)

 (10) Vgl. Haug an Francois Boucher, 10.12.145 in: MAE carton no 336 D 3, Straßburg I, 1,2,4,5,8 (nach Rosebrock 2012)

(11) zum Datum der Sendungen vergleiche „Exit Date“ -Angabe auf der Rückseite der betreffenden Property Cards aus dem Wiesbadener Collection Point in Bundesarchiv B323 / 586 – 595 (nach Rosebrock 2012)

(12) siehe (11) und Vgl. Contenu des 5 caisses de tableaux ramenés de Heilbronn par les autorités américaines de Wiesbaden, et remises aux Musées de Strasbourg par le Colonel Fracois à Baden-Baden le 30.7.1946 (Anlage an ein Schreiben der OBIP an Administratuer Général Laffon pour le le gouvernement Militaire de la Zone Francaise d’occupation, 23.5.47) in : MAE carton no. 240, B49, BIA 754, 1947-1951(nach Rosebrock 2012)

(13) das Tauziehen, das sich über Jahre hinzog,  beinhaltete u.a. die blockierte Rückgabe eines Pissarro-Werkes seitens der Niederlande, ausführlicher in Kapitel „Konflikt um die Neuerwerbungen in den Niederlanden“ in der Kurt-Martin Monographie von Tessa Rosebrock 2012.

(14) vgl. auch Kapitel “Frankreichs Sonderregelung für den Straßburger Kunstbesitz” bei Rosebrock 2012

 

 

 

 

 

Fußnote zum Fall Bensinger

Rezension von Rainer Möhler 2012 zu Tessa Friederike Rosebrock “Kurt Martin und das Musée des Beaux-Arts de Strasbourg. Museums- und Ausstellungspolitik im »Dritten Reich« und in der unmittelbaren Nachkriegszeit”, München (Oldenbourg) 2012,

daraus längeres Zitat: „Richtig problematisch wird es aber bei der Bewertung der Biographie Kurt Martins: Rosebrock erwähnt zwar im Schlussteil ein janusköpfiges Vorgehen Martins im Dritten Reich und erklärt – etwas irritierend für eine Dissertation –, dass es ihr vor allem darum gehe, Fakten zu sichern, aber nicht zwingend zu deuten (S. 347).Ihr Schlussteil liest sich jedoch resümierend wie ein zeitgenössischer Persilschein, der die personelle Kontinuität Martins als Direktor der Staatlichen Kunsthalle Karlsruheüber 1945 hinaus, trotz seiner steilen beruflichen Karriere unter Gauleiter Wagner, mit dessen voller Unterstützung und Wohlwollen, zunächst in Baden und dann auch im besetzten Elsass bis zum Kriegsende, von jedem nationalsozialistischen Verdacht reinwäscht. Fast schon kurios sind ihre ständigen Bemühungen, jede zeitgenössische Handlung Martins im anti-nationalsozialistischen Sinne (um)zu deuten, bis hin zur Behauptung, dass er seine Stelle im Elsass im Juli 1940 vor allem deswegen angenommen habe, um die dortigen Kunstwerke vor Kriegszerstörungen zu bewahren(S. 75) – zu einem Zeitpunkt, als die kurzen Kampfhandlungen längst zu Ende, der Waffenstillstand in Kraft, und keiner der jetzt ins Elsass berufenen Personen an der Endgültigkeit der Rückkehr des Elsass ins deutsche Heimatland mehr zweifelte. Rosebrock stützt sich bei ihren Behauptungen fast ausschließlich auf Martins (wenige) Selbstzeugnisse nach 1945, auf Aussagen seiner Familienangehörigen und engsten Mitarbeiter, die sie quellenunkritisch übernimmt.“

Fußnote zu Martins Schwerpunkt bei den alten Meistern: 1940 skizzierte Kurt Martin in der Zeitschrift „Der Führer“ die Aufgabenteilung der Museen in Baden-Elsaß in einer Form, die den Museen unter seiner persönlichen Leitung den Schwerpunkt der klassischen Kunstgeschichte zusprach (Karlsruhe und Straßburg), während Gegenwartskunst das Museum der Industriestadt Mannheim vertreten sollte und die restlichen Museen des Landes sich auf Volkskunst und lokaler Kunst- und Kulturgeschichte beschränken sollten. 

 

Quellenauszug

“Stilstreit und Führerprinzip, Künstler und Werk in Baden 1930-1945”, Hrsg. Wilfried Rößling im Auftrag des badischen Kunstvereins Karlsruhe 1981, 1987

„Beziehungsanalysen. Bildende Künste in Westdeutschland nach 1945“, Hrsg. Gerhard Panzer, Franziska Völz, Karl Siegbert Rehberg, Kapitel „Anmerkungen zu Unterlagen aus dem Arbeitsauschuss  Kurt Martins Dokumente zur documenta I“ von Tessa Rosebrock, Springer Fachmedien 2015 

Zu Güterwaggons mit Raubgut aus den Niederlande, die in  Mannheim ankamen:

https://www.akjustiz-mannheim.de/images/Erinnerungskultur/20150506_gegen-vergessen_kultur_provenienzforschung_PM-Kunsthalle.pdf

 „Insgesamt sind 408 Güterzugwaggons mit geraubten Kisten von Rotterdam nach Mannheim zurückgeschickt worden.

Quelle: Kunsthalle Mannheim, Vortrag „Provenienzforschung – Raubkunst auf der Spur“ am 6.05.2015 Eine Kooperation mit dem Arbeitskreis Justiz und Geschichte des Nationalsozialismus

Zu Karl Epting siehe Band 10 der Reihe “Täter, Helfer, Trittbrettfahrer” von Proske mit Beitrag von Joo Peter  sowie Mut zur Erinnerung, Joo Peter, 2018

zu Gerda Kircher und der Jahresetat der Kunsthalle Karlsruhe von 10000 RM  für Ankäufe zu Beginn der Ära Martin siehe OMGUS Akten StA Stuttgart RG 260_OMGWB_12-8_Fiche 4 Bild 103/104

Alice Lissie Bensinger, Nachlassverwalterin, Tod in Ausschwitz https://t1p.de/lissieBensinger

 Siegfried Simon Plato, ehem. Bankdirektor i Mannheim, Nachlassverwalter Bensinger, Tod in Auschwitz https://www.mahnmal-neckarzimmern.de/gedenkbuch/plato

 

“Vincent van Gogh, Die Gemälde 1886-1890. Händler, Sammler, Ausstellungen”, Walter Feilchenfeldt, 2009, Nimbus Wädenswil Schweiz

 

“Hans Thoma, Lebensbilder”, Augustinermuseum Freiburg im Breisgau 1989

Weitere Quellen siehe einführender Artikel zu Kurt Martin  Online-Version ( time-echo.de erschienen in der  Berliner Zeitung vom 27.5.2022)

https://books.openedition.org/editionsmsh/18336#ftn372

“Händlerkarrieren in der NS-Zeit“ von Christian Herchenröder im Handelsblatt 29.4.2011

Zitat:

„Plietzsch ist ein Prototyp des opportunistischen Kunsthistorikers. Als Mitarbeiter Wilhelm von Bodes im Kaiser-Friedrich-Museum geschult, wurde er nach dem Ersten Weltkrieg Geschäftsführer der Galerie van Diemen, deren Bestände 1935 zwangsweise versteigert wurden. Fortan arbeitete Plietzsch, der privat Expressionisten sammelte, als Kunsthändler auf eigene Rechnung. Ab 1940 begutachtete er als Kunstexperte in den besetzten Niederlanden, Belgien und Frankreich beschlagnahmte Kunst, die von der “Dienststelle Mühlmann” an NS-Größen weitergereicht wurde. Sein Wissen und seine Kontakte vor allem zum kollaborierenden niederländischen Handel halfen ihm, versteckte jüdische Sammlungen aufzuspüren und zu vermarkten.“

Kurt Martin arbeitete mit Eduard Plietzsch zusammen, korrespondierte mit ihm noch bis März 1945.

Kurt Martin kaufte über Plietzsch und seine „Dienstelle Mühlmann“ in den Niederlanden z.B. ein „Stillleben von Claes“ am 20.3.1943. Plietzsch hatte das Bild beim Händler van der Ploeg gefunden, an Martin weitervermittelt, der es über das Konto der Dienststelle Mühlmann erwarb.

 

work in progress (c) Joo Peter

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